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  • Caroline

Zuversicht im Sturm

Donnerstag Nachmittag, Mina kommt von der Schule heim. Mit fröhlichem Gesicht und voller Tatendrang. "Echt jetzt ?!?". "Mami, kann ich sofort kurze Hosen anziehen (draussen ist es 15 Grad) und in die Siedlung spielen gehen?" Wir handeln einen Kompromiss aus, und in kurzen Hosen kombiniert mit einem dicken Kapuzenpullover lasse ich Mina schliesslich ziehen, denn ich weiss: Sie hat ein anderes Temperaturempfinden als ich - und sie kann jederzeit heimkommen, wenn sie kalte Beine bekommen sollte.


Ich bin gerade total überwältigt, weil Mina nach sechseinhalb Wochen Schule zum ersten Mal wieder nach draussen spielen gehen will. Ich denke zurück an diese langen 45 Tage, seit sie mit der ersten Klasse begonnen hat...


"Stürmische Zeiten", anders kann ich nicht anders ausdrücken. An Tagen, an denen Mina auch am Nachmittag Schule hatte, war sie danach immer fix und fertig. Trotzdem wollte sie unbedingt sofort noch die Hausaufgaben machen - und brauchte dabei ihre letzten Kraftreserven auf. Sogar Zvieriessen ging erst nach den Aufgaben, so fixiert war sie darauf. Wenn das geschafft war, hätte Mina für den Rest des Tages - immerhin noch vier Stunden - am liebsten nur noch am Tablet Geschichten geguckt.


Natürlich versuchte ich, auch noch andere Dinge mit Mina zu machen. Anfangs ging es ab und zu, dass sich Mina beim Kneten oder Steckperlenmachen wieder etwas erholen konnte. Manchmal gingen wir auch noch zusammen Lebensmittel einkaufen, weil Mina das unbedingt wollte. Sehr oft artete das aber aus in: "Mami, kaufst du mir das?" "Mami, ich brauche unbedingt neue Spielsachen, neue Kleider, neue Bastelsachen, neue ...". Sehr anspruchsvolle Situationen, da ich natürlich nicht dauernd Geld ausgeben konnte und Mina in ihrem fixfertigen Zustand ein Nein kaum ertragen konnte. Ein paarmal tickte sie daheim vor dem Abendessen auch noch richtig aus, und ich musste mich blitzschnell auf diesen roten Zustand einstellen. Es brauchte viel Ausdauer, Geduld und Ablenkung, bis sich Mina jeweils wieder beruhigen konnte.


Und es sah nicht so aus, als ob sich daran bald etwas ändern würde. Sechseinhalb lange Wochen nicht. Dazu gehörte, dass die früher oft unternehmungslustige Ex-Kindergärtnerin einfach nicht mehr zum Spielen rausgehen wollte. "Dabei würde ihr das doch sooo gut tun", dachte ich immer wieder. Aber es war nichts zu machen. Mina wollte weder mit mir zusammen rausgehen - ausgenommen in die Migros - noch selber bei anderen Kindern im Quartier klingeln gehen. Die ganze Familie rollte immer wieder entnervt mit den Augen, hielt sich die Ohren zu und dachte oder sprach es auch laut aus: "Das ist ja nicht zum Aushalten". Und was machte ich? Ich versuchte, geduldig und zuversichtlich zu bleiben. Trotzdem fragte auch ich mich manchmal, ob Mina es seelisch irgendwann "packen" würde mit der Schule.


Was mir geholfen hat, auch im Sturm zuversichtlich zu bleiben? Mir selber immer wieder gut zuzureden: Mir zu sagen, dass viele Menschen Zeit brauchen, bis sich in neuen Situationen zurechtfinden. Dass Neuanfänge für Pflegekinder speziell schwierig und bedrohlich sein können. Dass wir auch schon andere schwierige Zeiten mit Mina überstanden haben, und dass wir es auch diesmal schaffen werden, egal wie lange es noch dauert...


Und jetzt? Im Moment bin ich einfach unglaublich dankbar und erleichtert über diesen Hoffnungsschimmer am Schul-(Horizont)!






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