top of page

Der ganz normale Wahnsinn

  • Caroline
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Gestern feierten wir den dritten und letzten Familiengeburtstag innerhalb von zehn Tagen: Nora wünschte sich griechisches Essen und einen Kokos-Schoko-Geburtstagskuchen. Easy, dachte ich. Wenn ich um vier daheim bin, kann in aller Ruhe kochen und backen, bevor die Familie eintrudelt. Ich band mir die Küchenschürze um - für mich der Startschuss zu seligem Tun - als es an der Türe klingelte und Romeos Nichte aus den USA hereinschneite. Was macht man mit Besuch aus Übersee? Natürlich nicht wieder wegschicken... Also bat ich Cindy herein, machte ihr eine Tasse Tee und sagte, dass ich für das Geburtstagsessen noch eine Menge zu tun hätte. Cindy half mir ein wenig beim Kuchenbacken und machte sich dann wieder aus dem Staub. Gut, jetzt aber los.


Kaum war ich zu meinen gewässerten Auberginenscheiben zurückgekehrt, läutete es erneut. Diesmal war es Brigitte, meine Tante. Sie war eigens aus Zürich angereist, um ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für Mina und etwas Süsses für Nora vorbeizubringen. „Vielen Dank für die Geschenke, Brigitte. Du darfst gerne hereinkommen und einen Kaffee trinken. Wir können auch plaudern, während ich koche. Ich habe einfach keine Zeit, mich zu dir zu setzen.“ „Ah nein, schon gut, ich müsste nur mal kurz aufs Klo und nehme dann gerne ein Glas Wasser“, antwortete Brigitte. Nach einer Viertelstunde verabschiedete auch sie sich wieder. Und dann dauerte es gefühlt nur noch ein Sekündchen, und die Familienlawine rollte an, darunter Yasmin und Nora mit ihrem Freund Tim.


Nach einem heiteren Geburtstagsessen verschwand Tim mit Mina in ihrem Zimmer. Danke, Tim! Einmal kam ich an Minas offenener Zimmertür vorbei und hörte, wie Tim fragte, ob Mina denn ihre Hausaufgaben schon gemacht habe. Tim ist Mittelstufenlehrer und weiss, dass die Viertklässlerinnen montags immer die ganzen Wochenaufgaben bekommen. Mina erwiderte fröhlich, ja klar, sie habe eine Menge Hausaufgaben, aber nein, die mache sie dann mit Mami, wenn der Besuch wieder gegangen sei. „Was, du machst mit deiner Mami noch um Mitternacht Hausaufgaben?“, fragte Tim entgeistert. Mina zuckte sorglos mit den Schultern und lachte. Als Nora, Tim und Yasmin sich verabschiedet hatten, rechneten Mina und ich von halb zehn bis halb elf noch. Dann schickte ich sie zu Bett.


Dienstagmorgen 7.30 Uhr. Weil Mina nach der Nachmittagsschule direkt ins Fussballtraining geht, müssen wir vor der Schule Minas Fussballsachen, einen Znüni und einen Zvieri bereit machen und dann Trotti, Helm und Schloss aus dem Velokeller holen. Nach der kurzen Nacht brauchen wir einen Moment, um uns den Schlaf aus den Augen zu reiben. Deshalb entgeht uns zunächst, dass die Fussballstulpen ja im Wäschekorb stecken. (Nein, bei Mina ist es undenkbar, Wäschestücke, die bereits im Wäschekorb liegen, bis zum nächsten Waschtag nochmals anzuziehen). Kurze Krise bei Mina, aber wir schaffen es trotzdem, um 8.00 Uhr fertig zu sein. Als ich das Trotti aus dem Veloraum hole, fehlt der Velohelm. Mina schaut oben in der Wohnung auf dem weissen Schrank nach. Tatsächlich, da ist er. 8.05 Uhr. Ende gut, alles…


„Mami, wir müssen noch 1-3 Weihnachtskugeln in die Schule mitbringen,“ fällt Mina in diesem Moment ein. „Aber Mina, das geht sicher auch noch morgen“. Minas Gesicht verzieht sich: „NEIN, es muss heute sein!“ Aus Erfahrung weiss ich, dass ich ihr in einem solchen Zustand nicht mit Argumenten komme kann. Daher seufze ich innerlich und sause mit Mina in den Keller.


Als erstes müssen wir einen Klapptstuhl aufstellen, auf den ich klettern kann. Dann kann ich die Weihnachtskiste oben auf dem Gestell fassen. Die Kiste ist schwer und unhandlich, deshalb lasse ich sie stehen. Die immergrünen Tannenbaumteile und der Fuss für den Weihnachtsbaum liegen zuoberst. Da die Zeit drängt, hebe ich beides heraus und lasse es vorsichtig zu Boden gleiten. Ich muss ja an die Weihnachtskugeln herankommen. In diesem Moment höre ich Mina mit missbilligender Erwachsenenstimme neben mir: „Nicht so aggressiv, Mami!“ Eigentlich dachte ich, ich sei gerade Supermom und mache für Mina das Unmögliche möglich. Ihre ungerechtfertigte Kritik holt mich auf den Boden runter, und nun nerve ich mich wirklich. Ja ich weiss, ich muss mich wieder beruhigen…


8.10 Uhr. Mittlerweile müsste Mina müsste in der Schule sein. Als wir zum zweiten Mal vor dem Haus stehen und Mina aufs Trotti steigen will, sagt sie auf einmal: „Mami, du hast das falsche Trotti aus dem Velokeller geholt“. Mittlerweile wundert mich gar nichts mehr. Tatsächlich, Minas Trotti ist dunkelblau, nicht hellblau. Ohne Worte wechsle ich die Fahrzeuge aus und winke Mina nach, die nun endlich losfährt. Ein Ausnahmetag, meint ihr? Habt ihr eine Ahnung! Fühlt sich eher an wie der ganz normale Wahnsinn…





 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page