Niemandsland
- Caroline
- vor 3 Tagen
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Samstag 10.15 Uhr. Die Schlüssel für das Ferienhäuschen im Jura sind abgegeben. Zeit für die Heimreise. Die ersten Tage waren Romeo, Mina und ich zu dritt dort. Dann kam Nora als Vierte im Bunde. Nun sitzen Mina und ich nebeneinander auf der Rückbank von Noras Auto und nehmen die zwanzigminütige Fahrt von Montfaucon nach Glovelier in Angriff. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ausgedehnte Schneefelder, Schafe und Felsen. Weit und breit keine Menschenseele. Niemandsland.
Ich denke zurück… Vor einem Jahr sind Mina und ich die gleiche Strecke gefahren. Damals kamen mir die zwanzig Minuten unendlich vor, denn Mina klagte - kaum waren wir losgefahren - über Übelkeit und Kopfschmerzen und verlangte dringend nach frischer Luft. Ihre Autofahr-Issues, wie unsere grossen Töchter sagen, zeigten sich prompt. So mussten wir nach zehn Minuten wohl oder übel einen Zwischenstopp einlegen. Mina stieg aus, japste nach Luft und verkündete, sie werde nicht mehr ins Auto steigen. Da standen wir, mitten im Niemandsland. Mit ganz viel gutem Zureden konnten wir die Fahrt schliesslich fortsetzen. Haben wir nicht gut gemacht damals.
Abgemacht war nämlich, dass Mina und ich mit den öV nach Hause fahren würden, so wie wir auch gekommen waren. Romeo wieder mit dem Gepäck im Auto. Erst ein paar Stunden vorher hatte ich gemerkt, wie unzureichend die öV-Verbindungen am Samstag dort sind. Niemandsland halt. Nach Abgabe des Häuschens hätten Mina und ich noch zweieinhalb Stunden auf den Bus warten müssen. Für die erste von vier langen Etappen nach Hause. Ganz kurzfristig wurde Mina deshalb vor vollendete Tatsachen gestellt und musste einfach ins Auto steigen. Ist ja nur für zwanzig Minuten, sagten wir. Doch Mina reagierte mit Angst, Hitzewallungen und Übelkeit. Und Romeo und ich standen ratlos im Niemandsland. Was, wenn sie gar nicht mehr einsteigt? Wie sollen wir dann nach Hause kommen?
Heute verläuft die Fahrt von Montfaucon nach Glovelier anders: Vor zwei Tagen schon habe ich Mina den Fahrplan gezeigt und sie gefragt, ob 20 Minuten im Auto für sie okay wären. Mina hat zugestimmt; nicht begeistert, aber ja gesagt. Nun sitzt sie hinten links beim einen Fenster, ich rechts beim anderen. Zwischen uns ausgebreitet das Kuscheltuch, der Teddybär sowie eine Flasche Wasser. Einmal sagt Mina: „Ich brauche frische Luft.“ Kurz die Scheiben runterlassen genügt. Ich kann es kaum glauben, dass wir schon das Ortsschild Glovelier passieren. Nora fragt: „Wohin soll ich jetzt?“ Die rechte Spur führt zum Bahnhof, links geht es zur Autobahn Richtung Osten. „Fahr mal zum Bahnhof, so wie wir es abgemacht haben,“ antworte ich. Auf keinen Fall will ich Mina reinlegen. Nora bringt uns zum Bahnhof und wartet dann mit ausgestelltem Motor. Sie hat keine Eile.
„Mina, du darfst entscheiden, wie wir jetzt weiterreisen. Abgemacht haben wir ja, dass wir Nora jetzt tschüss sagen und dann dort drüben auf den Zug gehen. Der fährt in 15 Minuten. Oder du sagst, mit Nora im Auto nach Hause fahren. Das wären jetzt nochmals 1 1/2 Stunden.“ „Oder du wählst weiterfahren, und ich bringe euch zum nächsten Bahnhof, sobald du vom Autofahren genug hast“ ergänzt Nora. Mina überlegt ein Weilchen und sagt dann: „Noch etwas weiterfahren.“ Gesagt, getan. Nach einem kurzen Stück Autobahn geht es wieder überland. Mal sehen wir weite Schneeflächen, dann wieder ein Dorf, bei dem die Felsen enger stehen.
Nach einer halben Stunde wird Mina unruhig. „Hast du Hunger, Mina?“, fragt Nora. Mina nickt. „Komm, wir fahren zur nächsten Raststätte und essen dort zu Mittag, ok?“ Gute Idee. Mina bekommt ihre Pommes und wir eine unbeschwerte Mahlzeit. Als wir dann wieder ins Auto steigen, fahren wir tatsächlich die ganze Strecke bis nach Hause. Mina ist die ganze Zeit wach und plaudert mit uns. Und erzählt dem staunenden Romeo stolz, wie sie mit dem Auto heimgefahren ist.
Zurückschauen statt nach vorne… Ist manchmal genau die richtige Richtung. Denn so können wir die vielleicht ganz kleinen Entwicklungsschritte sehen, die unsere Pflegekinder im letzten Jahr gemacht haben. Mina hat beim Autofahren riesige Schritte gemacht, resümiere ich für mich: Am Muttertag zum ersten Mal seit langem wieder eine kurze Autofahrt zum Fluss. Im Juni mit Yasmin in den Europapark und wieder zurück. Natürlich hat es geholfen, dass Mina unbedingt dorthin wollte. Und einmal vor Weihnachten ging Mina mit Romeo Nora und Yasmin abholen. Freiwillig. Heute für die Rückfahrt aus den Ferien ist sie nicht ins Auto gestiegen, weil sie das unbedingt wollte, sondern bloss für einen kürzeren Heimweg. Und, wie ich vermute, mir zuliebe. Weil Mina nichts falschen machen und jederzeit auf die öV hätte umsteigen können, schaffte sie es aus freien Stücken im Auto bis nach Hause. Ich kann nur staunen.
Und plädiere deshalb nicht für gute Neujahrsvorsätze für unsere Pflegekinder, sondern für uns als Pflegeeltern: Mehr Geduldigsein statt am Gras herumzuzerren, das in seinem Tempo wächst. Mehr Zurückschauen auf die Fortschritte, die manchmal klein, aber dennoch da sind.




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