Der Geburtstag
- Caroline
- 28. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Mittwochabend um 18.15. Romeo, Mina und ich stehen an der Haltestelle und warten auf den Bus. Heute feiern wir Romeos Geburtstag in der Stadt. Zuerst sind wir bei Nora zum Apéro eingeladen und gehen dann ins Restaurant. Für alle Fälle habe ich ein Weggli mit Schoggistängeli für Mina dabei. Was ich sonst noch in der Tasche habe? Nun, was jede Frau auf sich trägt: Eine Stange Wattepads und eine 3dl-Flasche Octenisept… An ihrem Geburtstag vor fünf Tagen hat sich Mina nämlich Ohrlöcher stechen lassen. Zu ihrem Entzücken waren alle grossen Schwestern dabei. (Woran ich nicht gedacht hatte, war, Mina eine unterschriebene Einverständniserklärung mitzugeben. Nora ist die Älteste, aber sie kann nicht gut lügen. Deshalb traten die vier im ersten Laden den Rückzug an, als die Frage der Unterschrift aufkam. Beim zweiten Versuch bei Claire‘s nahm Yasmin die Sache in die Hand und trat gewandt als Minas Mutter auf. Sache geritzt).
Doch nun hat sich Minas linkes Ohrloch entzündet, und gestern hat Julia auch noch Eiter in der Wunde entdeckt. Von meiner Schwägerin, die Ärztin ist, stammt die Order, den Ohrstecker mindestens dreimal täglich von hinten nach vorne zu schieben und das Ohrloch zu desinfizieren, damit „der Eiter rauskann und das Desinfektionsmittel rein“. Bestechend logisch, aber schwer durchführbar, wenn Mina den Kopf wegdreht, sobald man mit der Flasche in ihre Nähe kommt. Heute Abend habe ich Mina die Wahl gelassen zwischen daheim oder bei Nora desinfizieren. Natürlich kam die Antwort: „Nicht jetzt.“ „In Ordnung, Mina. Wenn wir bei Nora sind, müssen wir dann aber den Stecker bewegen und das Mittel drauftröpfeln. Das wird auf jeden Fall wehtun, aber dafür kann es dann besser werden.“ Originalton der Schwägerin dazu: „Ich habe schon Fälle gesehen, in denen der Stecker eingewachsen ist. Aber auch solche, bei denen es gut gekommen ist.“ Sehr ermutigend…
Noch bevor der Bus da ist, ruft Mina: „Mami, Hunger!“ Weggli und Schoggistängeli wandern aus der Tasche in Minas Hände und werden bis auf den letzten Krümel verspeist. Bei Nora daheim lässt sich Mina dann tatsächlich ins Badezimmer lotsen und verarzten, nachdem ich nochmals erklärt habe, was ich machen werde. Bald wird es Zeit für den Spaziergang in die Stadt.
Im Restaurant werden wir an unseren Tisch geführt. Er heisst Hoch-Stammtisch, weil er mit seiner erhöhten Tischplatte und den Stühlen mit hoher Rückenlehne etwas für sich steht und nicht mitten im Gewühl. Mina bekommt eine eigene Kinderkarte. „Ich will Burger, Mami, aber nur Brot und Fleisch und Ketchup, sonst nichts, gell.“ „Okay, Mina, bekommst du.“ Doch bis der Keller wiederkommt, um unsere Bestellung aufzunehmen, hat sich Mina von Burger zu Chicken Nuggets mit Pommes umentschieden. „Also du willst jetzt sicher Chicken Nuggets, Mina?“, erkundige ich mich nochmals flüsternd, bevor ich laut bestelle. „Ja!“, sagt Mina. Doch als sie später hört, dass zwei ihrer Schwestern Burger bestellt haben und sie Chicken Nuggets bekommt, fängt Mina laut zu weinen an: „Nein, ich habe Burger gesagt“, ruft sie laut.
Ich weiss genau, was Mina gesagt hat und was nicht, aber das nützt mir jetzt auch nichts. Just in diesem Augenblick werden die Chicken Nuggets gebracht. Mina wirft einen Blick darauf und ruft: „Ich esse nichts!!“ Die anderen Gäste unterhalten sich angeregt und machen sich für die Premiere im Theater nebenan bereit. Niemand achtet auf uns. Romeo als Geburtstagskind sitzt mir gegenüber auf der anderen Seite des Tisches und rollt bloss mit den Augen. Er unterhält sich mit Nora über die Arbeit. Gut so.
„Vielleicht habe ich dich falsch verstanden, Mina. Wenn du möchtest, bestelle ich dir jetzt noch einen Burger.“ „Nein, ich esse überhaupt nichts, habe ich doch gesagt!“, antwortet Mina und verzieht sich unter den hohen Tisch, wo sie sich zu unseren Füssen mit den Jacken eine Art Hütte gebaut hat. Julia und ich schauen uns an und zucken mit den Schultern. Für den Moment haben wir alles getan, was möglich ist. Ich beschliesse, damit zu leben, wenn Mina wirklich nichts essen sollte. Soll halt das Servicepersonal Mina für eine verwöhnte Göre und mich für eine doofe Mutter halten, wenn sie den vollen Teller mit Pommes und Chicken Nuggets wieder abräumen müssen.
Ein wenig später sehe ich, wie Julia und Yasmin, die keine Vorspeise bestellt haben, Mina fragen, ob sie von ihrem Essen haben dürfen. Das ist Mina egal, und so picken die beiden bei ihr. Dann geht Yasmin nach draussen frische Luft schnappen. Als sie zurückkommt, flüstert sie mir zu: „In echt war ich bei McDonalds und habe für Mina einen Burger geholt. Sie kann ihn ja unter dem Tisch essen, oder ich gehe mit ihr ins Foyer.“ Was für eine einfallsreiche Tochter wir doch haben! Weitere 15 Minuten später isst auch Mina - zuerst von den Fritten und dann von den falschen Chicken Nuggets. Da macht es auch nichts, dass der Burger von McDonalds doch kein Treffer war, weil er Reiskörnchen drauf hat, wie Mina sagt. Yasmin zwinkert mir zu und sagt: „Zwiebelringe…“




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