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  • Caroline

Von Ohrenweh und Herzschmerz

Sommerferien. Zuerst war es sehr heiss. Nachts konnte man bei der feucht-heissen Luft kaum einschlafen. Vor zwei Tagen kam dann starker Wind auf und es wurde etwas kühler.


Heute will Mina den ganzen Tag nur drinnen bleiben und fernsehen. Seltsam, es ist doch sonnig und warm, und man könnte prima baden. Es gibt hier nur einen einzigen deutschen Kindersender mit Geschichten, die Mina schon alle kennt. Daheim wäre das total uninteressant. Doch hier ist alles anders. Mina sagt: "Mami, mein Ohr tut soo weh," und zeigt auf das rechte Ohr. Mist, nicht schon wieder Ohrenentzündung! Hätten wir ihre Ohren abends doch sorgfältiger unter der Dusche ausspülen sollen...


Zwei Tage später ist das Ohrenweh abgeflaut. Doch Mina ist immer noch am liebsten in der Ferienwohnung. "Geh du nur alleine baden, Mami, und dann komm in einer Stunde wieder zu mir, ok?," sagt sie. Zwischendurch spielen mein Mann und Mina stundenlang Uno. Nur das. Sooo langweilig, denke ich. Dann überlege ich: Das Uno-Spiel haben wir doch zu Hause auch. Vielleicht fühlt sich Mina hier in den Ferien irgendwie entwurzelt, wenn sie immer das Gleiche spielen und nur langweilige Geschichten gucken will, die sie schon kennt? Dann könnte ich verstehen, dass sie nur das Gewohnte möchte. Vielleicht gibt ihr das Sicherheit? Ich frage: "Mina, könnte es sein, dass du am liebsten gar nicht in die Ferien fahren würdest und schon gar nicht an einen Ort, den du nicht kennst so wie hier?" Mina schaut mich mit seelenvollem Hundeblick an, zuckt mit den Schultern und sagt: "Weiss nicht." Mehr ist nicht aus ihr rauszukriegen.


Hmm... Das würde ja bedeuten, dass Mina mit uns in die Ferien MUSS statt zu dürfen. Schon möglich, dass unser Pflegekind in den Ferien keine Abwechslung und schon gar keine Luftveränderung bräuchte. Wir anderen hingegen möchten in den Ferien auch mal was anderes sehen und erleben. Mit diesem Dilemma müssen wir als Pflegefamilie leben. Und damit muss auch Mina in diesen Ferien klarkommen. Tut sie ja vielleicht auch, wenn wir es schaffen, unsere eigenen Vorstellungen von schönen Kinderferien aussen vor zu lassen? Ist es denn wirklich so schlimm, wenn Mina bei schönstem Badewetter in der verdunkelten Wohnung auf dem Bettsofa sitzt und alte Kinderfilme schaut? Wir beschliessen, sie mal machen zu lassen und zu schauen, wie es ihr damit geht.


Und siehe da - statt antriebslos und unzufrieden zu werden wie andere Kinder, wenn sie in den Ferien nur herumhängen und nichts unternehmen, blüht Mina bei ihrem selbst gestalteten Heimprogramm auf: Morgens igelt sie sich zufrieden auf dem Sofa ein und lässt uns machen, was wir gerne tun: Baden, Spazieren am Hafen, Kaffee trinken, etc. Einmal pro Stunde geht jemand zu Mina in die zu Wohnung und schaut, wie es ihr geht. Im Familienchat erscheint dann die Mitteilung: "Alles ok, Mina ist zufrieden auf dem Sofa"...


Am dritten Tag ihrer selbst verordneten Wohnungsferien wird Mina aktiv: Unter allen ziemlich wild durcheinander liegenden Schuhen unter der Treppe sucht sie die jeweils passenden und stellt sie ordentlich hin. Ganz freiwillig. Am Nachmittag kommt sie auf die Idee, draussen Stecken suchen zu gehen. Dann setzt sie sich auf die Terrasse und schnitzt hingebungsvoll, bis die Stecken genau so aussehen wie sie müssen. (Ja, ich habe zuerst beobachtet, wie Mina mit dem Messer umgeht!). Mina ist glücklich und zufrieden. Und ich liege ich am Pool und verschlinge Buch um Buch, einfach herrlich. Sommerferien? Jederzeit wieder.


P.S. Heute kam Mina mit funkelnden Augen zu mir an den Pool und sagte: "Mami, kannst du mir zeigen, wie der Köpfler (Kopfsprung) geht?" Ob sie das wohl auch beim fernsehen entdeckt hat...? Unermüdlich hüpfte Mina dann ins Wasser und versuchte alles nachzumachen. Und dann musste ich sogar noch Handyaufnahmen von ihren Sprüngen machen und mit ihr zusammen anschauen, so motiviert war sie. Wie sagt man noch gleich? Alles hat seine Zeit...


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