Der Missionar oder: Heulen und Zähneknirschen
- Caroline
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen
Heute Sonntag Mittag habe ich die Nerven verloren und Mina angeschrien. Doch angefangen hat alles viel früher: Morgens bin ich mit Kopfschmerzen und einer fiebrig-feuchten Stirne erwacht. Als ich zwei Stunden später in die Dusche steigen wollte, läutete es an der Tür. Romeo war auf seinem Sonntagspaziergang, weswegen ich meinen Pijama zähneknirschend wieder anzog und die Türe öffnen ging. Romeo hatte mich nämlich vorgewarnt, dass unser Nachbar Adrian mit einer Unterschriftenliste vorbeikommen würde. Adrian will sich bei unserer Verwaltung für Optimierungen während der Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück starkmachen. Ein löbliches und verdankenswertes Unterfangen. Adrian lässt die Unterschriftenliste da und macht sich aus dem Staub.
Als ich geduscht und angezogen aus dem Badezimmer komme, schiesst Mina wie eine Stechmücke auf mich zu und bedrängt mich mit ihrem momentanten Dauerthema, zu dem ich schon zur Genüge nein gesagt habe: „Mami, kann ich die ganzen Sommerferien nicht in den Ferienhort gehen? Weisst du, meine beste Kollegin Naila ist ja dann mit der 6. Klasse fertig und kann nicht mehr in den Ferienhort kommen. Dann will ich auch nicht mehr gehen.“ „Aber Mina, du bist erst in der 4. Klasse und kannst doch nicht den ganzen Tag alleine daheim sein, wenn wir arbeiten.“ „Naila sagt, alle Kinder aus ihrem Hochhaus gehen dann auch nicht mehr in den Ferienhort und machen einfach so zusammen ab. Das will ich auch!“ Ob Vernunftsgründe da etwas ausrichten können? „Hör mal, Mina, Ali aus der ersten und Elda aus der zweiten Klasse gehen bestimmt auch weiter in den Ferienhort. Naila kann doch nicht alle kleinen Kinder aus ihrem Haus alleine betreuen…“
Doch Mina hört gar nicht zu. In ihrem Kopf spielt sich wohl gerade ein fantastischer Film ab, in dem die Kinder die ganzen Sommerferien lang von morgens bis abends zusammen spielen und alles super und grossartig ist. Mir als Mutter springen dagegen sofort die Schattenseiten dieser schönen Idee ins Auge: Chaos und ungeordnete Zustände. Kein Erwachsener für die ganzen Kinder zuständig. Was, wenn etwas passiert, wenn die Kinder Hunger haben oder Streit bekommen…? Darauf gibts nur eine Antwort: No way!
Meine Horrorfantasien werden werden von Adrian unterbrochen, der gleich enttäuscht wieder abzieht, weil Romeo noch nicht von seinem Spaziergang zurück ist und seine Unterschrift auf dem Bogen fehlt. Kaum habe ich die Wohnungstür hinter ihm zugemacht, als Mina schon wieder mit dem Thema Sommerferien ohne Ferienhort anfängt, als ob wir noch nie darüber gesprochen hätten. Vermutlich ist es die Kombination meiner Kopfschmerzen mit dem grossen und bedrohlichen Thema, bei Mina kein Nein akzeptiert und einfach immer weiterredet. Das fühlt sich für mich ungefähr so angenehm an wie in einen Hagelsturm zu geraten. Jedenfalls platzt mir nun der Kragen, und ich schreie Mina an, sie solle endlich still sein. „Nur weil die dumme Naila nicht mehr in den Hort gehen kann, will sie, dass du auch nicht mehr hingehst. Hör jetzt endlich auf!“ Aber natürlich hört gar nichts auf, denn nun geht Mina auf mich los und schreit voll Rohr zurück: „Naila ist nicht dumm, Mami, DU bist dumm, hörst du?!?“ Rhetorischer Sieg nach Punkten für Mina.
Just in diesem Moment läutet es erneut. Natürlich Adrian. Zum Glück ist Romeo jetzt daheim und geht mit der Unterschriftenliste zur Türe. Julia, er und ich haben alle unterschrieben. Romeo will sich mit der Sonntagszeitung gerade gemütlich am Esstisch niederlassen, als... die Türklingel schon wieder schrillt. Ergeben steht mein Göttergatte auf und schaust nach. „Adrian hat ein Problem, weil wir alle drei unterschrieben haben. Auf seiner Liste hat es jetzt zu wenig Platz zum Unterschreiben für die anderen im Haus. Er muss nochmals eine neue Liste mit mehr Unterschriftslinien ausdrucken.“ Ich rolle mit den Augen. Adrians Probleme hätte ich gerne… Vielleicht will er mit mir tauschen?
Denn ich muss mit Mina noch für die Schule morgen und und fürs neue Leichtathletiktraining packen. Packen ist ein ultrawichtiges Thema bei Mina, und meine Aufmerksamkeit darf dabei keine Sekunde abschweifen, sondern kippt sie in nullkommanichts ins Rote. Doch heute finde ich das unheimlich schwierig. Vielleicht sind auch meine Kopfschmerzen daran schuld, dass ich heute einfach nicht so freundlich und geduldig sein kann wie sonst. Ich habe Mina bereits erklärt, dass ich heute nicht fit bin. Dennoch fängt sie bei jeder Kleinigkeit an zu weinen und jammert: „Immer sagst du, alles ist meine Schuld…“ „Aber Mina, ich hab doch überhaupt nicht gesagt, dass jemand schuld ist. Komm, wir machen weiter.“ Doch ich kann mir den Mund fusslig reden wie ich will, bei Mina scheint einfach nichts anzukommen. Dafür läutet es jetzt zum vierten Mal. Genau, Adrian steht wie ein eifriger Apportierhund vor der Türe und sagt: „Ich habe jetzt eine neue Liste ausgedruckt. Wenn ihr da bitte nochmals unterschreiben könntet? Ich komme die Liste nachher wieder abholen.“ Ganz wie du möchtest, lieber Adrian, denke ich erschöpft.
Als ich abends neben Mina im Bett liege, sage ich zu ihr: „Morgen ist ein neuer Tag. Dann versuchen wir es einfach wieder besser hinzukriegen, ok?“ Doch Mina antwortet nicht mehr; sie ist endlich eingeschlafen. Hoffentlich gilt für Adrian dasselbe. Endlich Frieden für mich…




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