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Auf der Achterbahn des Lebens

  • Caroline
  • 11. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Heute schreibe ich die hundertzehnte Geschichte. Dies ist für den Moment der letzte Blogbeitrag. Unglaublich, wieviel Schreibstoff ich in den letzten Jahren gefunden habe! Vielleicht melde ich mich eines Tages wieder, wenn Mina so richtig in die Pubertät kommt. Ob bei uns dann alles drunter und drüber geht? Ja, ich weiss, das tut es schon jetzt manchmal… Ich rechne besser mal mit allem Möglichen. Wer von euch ältere Pflegekinder hat, könnten mir da sicher haufenweise Geschichten erzählen.


Obwohl ich die meisten nicht persönlich kenne, habe ich beim Schreiben oft an euch gedacht und mir überlegt, was aus dem Mina-Leben besonders interessieren könnte. Und ich habe beim Schreiben so etwas wie eine Zusammengehörigkeit mit euch und euren Pflegekindern gespürt. Es ist ja nicht so, als ob die meisten Menschen verstehen würden, in welcher Welt wir leben. Pflegeeltern sind eine verschwindende Minderheit in der Bevölkerung mit Themen, die andere kaum beschäftigen. Deshalb war es für mich etwas ganz Besonderes, diese fast vier Jahre mit euch unterwegs zu sein.


Mir hat das Blogschreiben enorm geholfen, weil ich mein Leben als Pflegemutter dabei immer wieder mit Abstand betrachten musste, um die darin enthaltenen Lektionen verstehen und umarmen zu können, statt mich nur daran aufzureiben. Und weil ich finde, dass Geschichten generell hoffnungs- und humorvoll enden sollten, musste ich meine Augen bei aller Dramatik auch immer wieder darauf richten, was an der aktuellen Begebenheit optimistisch stimmen könnte. Sonst hätte ich uns alle nur deprimiert, denn Niederlagen und schwere Moment gibt es wahrlich genug. Beim Schreiben darauf zu achten, was gut, erfreulich und lustig war, hat mein Leben leichter gemacht. Und dass ich dabei mit euch zusammen über mich selber lachen konnte, hat mir wohl getan. Vieles habe ich erst beim Rekonstruieren der Mina-Geschichten verstanden. „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden“, gilt wohl ebenso fürs Blogschreiben wie für unser Leben als Pflegeeltern…


Im vergangenen Sommer, als ich das letzte Mal so richtig das Gefühl hatte, mit Mina gehe es statt vorwärts nur noch rückwärts und den Hang hinunter, hat eine andere Pflegemutter zu mir gesagt: „Wenn du jetzt so die Krise hast, heisst das bestimmt, dass bei euch in der Pflegefamilie eine neue Zeit anbricht.“ Dieser Satz hat mich getröstet und ermutigt; besonders weil er von jemandem kam, der auch in diesem besonderen Leben drinsteckt. Meine Kollegin hat recht behalten: Seitdem hat sich Vieles wieder beruhigt, und im Nachhinein kann ich einige Fortschritte erkennen. Dafür kommen immer wieder neue Momente, in denen ich mich mit unserer Pflegetochter zusammen fühle wie auf der Achterbahn: Rauf und runter in rasendem Tempo, ob ich will oder nicht. Zum Glück kann ich mich dann daran erinnern, dass die Entwicklung bei Pflegekindern oft in krassen Aufwärts- und Abwärtsbögen, aber mit Tendenz steigend verläuft.


A propos Fortschritte: Im Moment gehen bei Mina gewisse Dinge besser und gleichzeitig auch irgendwie schlechter: Sie flippt wieder viel schneller aus als auch schon - und hat dazwischen auch ihre lichten Momente, in denen sie manchmal ein bisschen verstehen kann, wie es für uns ist, wenn sie mal wieder austickt. Wie an dem Sonntag, als Mina das Warten zu lange dauerte, nachdem sie Romeo gebeten hatte, ihr online eine Elternerlaubnis für ein Spiel zu geben, und er zehn Minuten brauchte, um herauszufinden, wie man das macht. Oder wie am Mittwochnachmittag, als MIna in den roten Zustand fiel, weil sie beim Hausaufgabenmachen ihren besonderen Schreibstift, mit dem man das Geschriebene wieder wegmachen kann, nicht mehr finden konnte. Als sie nur noch schrie. So laut und so lange, bis ich kurz aus dem Zimmer musste, weil meine Ohren gellten. Und mir Mina in den Gang folgte und hysterisch krähte: „Es ist dir eifach egal, dass ich meinen Schreiber nicht mehr habe.“ Wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, hätte ich gelacht. „Mina, nein, ich hab dich doch lieb, mir ist es nicht egal, wie es dir geht. Sondern ich möchte, dass es dir wieder gut geht. Soll ich dir suchen helfen?“ „NEIN!!!“ „Oder möchtest du die Hausaufgaben mit einem gewöhnlichen Bleistift machen?“ „NEIIIINNNN!!!“


Ob bei Mina vielleicht doch schon die Pubertät begonnen hat…?!? Wie auch immer. Ich wünsche uns allen viel Freude und Durchhaltevermögen mit den Pflegekindern. Und vielleicht sehen wir uns ja mal irgendwo auf der Achterbahn des Lebens: Oben oder unten oder auf dem Kopf oder bei einem Zwischenhoch…


Liebe Grüsse an alle


Caroline




 
 
 

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