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  • Caroline

Die Kuscheloffensive

In den letzten paar Wochen waren Austickanfälle bei uns daheim eher die Regel als die Ausnahme. Anstrengend! Doch auch Minas Entwicklungsfortschritte sind frappant: Beim Busfahren zur Klettergruppe meinte sie schon beim zweiten Mal: "Mami, du musst mich nicht mehr die ganze Strecke begleiten oder in die Kletterhalle mitkommen. Es reicht, wenn du mich am Bahnhof zum Bus bringst. Dann fahre ich allein zur Kletterhalle und ziehe mich dort um, und nachher nehme ich auch selber wieder den Bus zurück zum Bahnhof." "Meinst du wirklich, Mina?" "Ja, Mami, das mache ich schon." Gesagt - getan. Alles klappt wie am Schnürchen. Um 19.00 Uhr steigt Mina stolz wie Oskar aus dem Bus, der von der Kletterhalle her kommt. Grosses Erfolgserlebnis.


Auf der anderen Seite braucht es sozusagen gar nix, und Mina fällt in den roten Zustand. So auch an diesem Abend nach dem Klettern, der so erfolgreich begonnen hat: Als wir uns auf eine Bank setzen, um auf den Bus nach Hause zu warten, beginnt Mina aus dem Nichts heraus zu drängeln, sie wolle unbedingt noch Süssigkeiten kaufen am Kiosk. Um diese Zeit?? Natürlich sage ich nein, heute nicht mehr. Doch nun hängt es Mina komplett aus. Wir schaffen es zwar noch auf den Bus, aber während der ganzen Fahrt versucht sie mich immer wieder zu boxen oder zu treten, während ich alles dafür tue, um ruhig zu bleiben und ihr gewaltlos auszuweichen. Beruhigend auf sie einreden nützt nichts. Soll ich lieber wieder aussteigen? Aber wie bringe ich sie dann in diesem Zustand nach Hause? Es ist bereits halb acht Uhr abends, und Mina ist auch körperlich müde vom Klettertraining. Also Augen zu und durch. Erwähnte ich schon, dass der Bus voller Leute ist?!? Als wir daheim eintreffen, bin ich fix und fertig und brauche dringend Rat im Coaching.


Dort höre ich eine Vermutung, die mir einleuchtet: Mina hat möglicherweise zwei Teile in sich drin, die sich im Moment beissen: Auf der einen Seite will sie gross und selbständig sein, wie es zu einer gesunden Zweitklässlerin gehört. Selber Bus fahren, eine Stunde allein daheim sein ohne Angst zu haben, etc. Auf der anderen Seite gibt es den vernachlässigten und belasteten Säuglingsteil, der durch diese Selbständigkeitsbestrebungen gestresst wird und deshalb um so mehr nach einer durchgehenden Symbiose mit mir als Ersatzmutter schreit. Ein andauernder Zustand kritischer Instabilität sozusagen, bei dem es nur einen kleinen Auslöser braucht, und Mina kippt ins Rote.


Was ich nun mit meiner sowohl grossen als auch ganz kleinen Mina anfange? Ich versuche behutsam, die beiden vermuteten Teile bei ihr anzusprechen, damit sie sich selber verstehen lernt. Und ich starte eine Art Kuscheloffensive: Wenn es so ist, dass der Symbioseteil in Mina so schnell gestresst ist, macht es Sinn, ihr auf der Säuglingsebene, wo die Symbiose hingehört, mehr anzubieten. Viel mehr: Wenn ich Mina nun morgens für die Schule wecke, nehme ich sie, so gut es geht, mitsamt der Bettdecke in die Arme und wiege sie sanft hin und her. Wie einem Baby sage ich ihr, wie lieb ich sie habe. Auch beim Anziehen im Badezimmer streiche ich ihr ab und zu leicht über die Schultern. Wenn sie sich dann gegen mich sinken lässt, wiege ich sie hin und her, bis sie sich losmacht und fertig anzieht. Auch wenn ich tagsüber oder abends merke, dass Mina gestresst ist, gehe ich zu ihr hin und streiche ihr ein paarmal über den Rücken. Auch wenn sie wie ein gereizter Tiger wirkt. Doch der Tiger faucht mich dann gewöhnlich nicht an, wie man es vermuten würde, sondern entspannt sich.


Mittlerweile geht Mina fröhlicher und gelassener in die Schule als früher. Und wisst ihr was? Wenn sie jetzt von der Schule heimkommt, hängt sie ihre Jacke ganz selbstverständlich an den Haken statt sie wie sonst auf den Boden zu werfen. Ganz neu, aber passend zu einer Achtjährigen. Das Ergebnis nach drei Wochen Kuscheloffensive: Die roten Zustände bei Mina haben deutlich abgenommen und die grünen haben sich vermehrt.


Und vorgestern ist etwas Erstaunliches passiert: Als Mina am Morgen beim Schuhebinden die Schnürsenkel an ihren Lieblingsschuhen rissen, weinte sie zwar herzzerreissend, und es gab ein paar Minuten, in denen nichts half. Doch dann konnte sie sich dazu durchringen, ihre alten, langsam zu kleinen Schuhe anzuziehen. Als Mina schliesslich aus der Wohnungstüre ging, war klar, dass sie deutlich zu spät kommen würde. Wenn ich früher in solchen Fällen vorschlug, in der Schule anzurufen, um Bescheid zu sagen, fiel sie ins nächste Loch und verbot mir zu telefonieren. Doch diesmal drehte sich Mina auf der Treppe um und sagte, wie wenn's das Normalste auf der Welt wäre: "Mami, rufst du noch schnell die Lehrerin an und sagst ihr, dass ich zu spät komme?"



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