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  • Caroline

Grün, Gelb, Rot

Aktualisiert: 19. Jan. 2023

Heute kommt mir endlich eine Idee, wie ich mit Mina über innere Zustände sprechen könnte: Ich nehme eine rote Dächlikappe, die gerade rumliegt und eine grüne Znünibox und sage zu Mina, dass ich noch etwas Gelbes brauche. Sie bringt mir ein gelbes Bastelwerk aus dem Kindergarten und schaut mir neugierig zu. Ich lege die Gegenstände auf dem Boden aus: Links grün, dann in der Mitte gelb und rechts rot.


«Hast du das gewusst, Mina? Wenn man grün ist, dann ist das so ganz ruhig im Herz drin. Es geht uns gut und wir haben Ideen und können denken und uns freuen über gute Dinge. Bei Gelb sind wir gestresst, zum Beispiel sehr nervös oder hässig und würden am liebsten mega streiten und kämpfen mit den Schwestern oder mit Mami oder Papi. Aber wir sind immer noch der Chef. Wenn wir gelb sind, können wir vielleicht noch sagen, ich gehe weg vom Streit in mein Zimmer. Dort kann man sich wieder beruhigen und grün werden.


Bei Rot sind wir nicht mehr der Chef und können nicht mehr vom Streit wegrennen. Dann ist es eher so, dass das Rot der Chef ist und wir meinen, wir müssen um unser Leben kämpfen, und wir machen vielleicht irgendetwas Krasses, das wir dann am Schluss gar nicht mehr wissen. Aber bei Gelb kann man noch wählen und schafft es vielleicht wegzugehen vom Streit.»


Mina hört aufmerksam zu und fragt dann: «Und was ist, wenn man es vergisst, dass man vom Streit wegrennen kann?» «Das passiert schon mal am Anfang, wenn man etwas Neues lernen will, dass man es vergisst. Aber manchmal denkt man auch dran. Und dann ist man mega froh, dass man sich wieder beruhigen konnte.» Ich erzähle Mina, dass ich als Kind und Jugendliche oft wütend war auf meine Eltern, und dass es mir dann geholfen hat, in mein Zimmer zu gehen, um mich wieder zu beruhigen.


«Mami, blau brauchen wir auch noch." "Wofür brauchen wir denn blau?"

"Ja, für wenn man ganz traurig ist, Mami.» Diese Aussage ist etwas ganz Besonderes für Mina, weil man ihr selten anmerkt, dass sie traurig ist, und sie noch nie vom Traurigsein gesprochen hat. Und so nehmen wir auch noch blau in unsere Ampel auf...


An diesem Tag gerät Mina in keinen roten Zustand mehr. Einmal, als sie der grossen Schwester Julia (21) ins Zimmer nachrennt und dort ein solches Spektakel veranstaltet, dass sich Julia beim Lernen nicht mehr konzentrieren kann, wird sie vor die Türe gestellt und die Türe abgeschlossen. Mina richtet zwar zuerst noch ein paar lautstarke Beschimpfungen durch die geschlossene Zimmertür an Julias Adresse, aber dann trottet sie in ihr Zimmer und schliesst die Tür. Dies ist eine Sensation für mich, denn gewöhnlich poltert Mina in solchen Momenten mit Wucht gegen die Türe und rüttelt an der Türklinke, bis ich sie irgendwann wegziehen muss, damit die Türe ganz bleibt.


"Cleveres Kind," denke ich.


Abends im Bett sage ich zu Mina: «Super hast du das gemacht heute Nachmittag, als Julia dich vor die Türe gestellt hat. Du bist einfach weggerannt vom Streit, ich habe es gesehen.»









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