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  • Caroline

Der sichere Ort oder: Der grosse Bär im Bienenstock

Was gibt es Schöneres als einen Papa, der mit einem Verstecken spielt, wenn es eigentlich Zeit fürs Bett wäre... Mina hatte dieses Glück vorgestern Abend. Sie war bereits im Pyjama, die Zähne geputzt, und ready zum Schlafengehen. Doch Minas charmantem Betteln konnte mein Mann nicht widerstehen."Biiiitte, Papa, noch einmal verstecken in der ganzen Wohnung?" Flehender Hundeblick. "Also gut, Mina, einmal versteckst du dich, und einmal ich, und dann ab ins Bett, ok?" erwidert besagter Papa. "Jaaaa!!!"


Zuerst ist Mina an der Reihe. Sie versteckt sich hinter einem Vorhang und macht sich unsichtbar. Mein Mann sucht wie immer ausführlich an allen möglichen falschen Orten nach Mina, bevor er mit dem langen Schuhlöffel, den ihr schon kennt, den Vorhang abtastet. Und schon verrät ein Quietschen Minas Aufenthaltsort. Danach zählt Mina mit geschlossenen Augen bis 40, und mein Mann sucht sich ein Versteck.


Ihr wollt wissen, wo? Nun...


Ich halte meinem Mann zugute, dass er davon überzeugt war, das Versteck des Jahrhunderts gefunden zu haben, sozusagen DEN sicheren Versteckort: Leider sucht er sich ausgerechnet Minas Tipizelt aus, das sie sich zu Weihnachten gewünscht hat und das in ihrem Zimmer neben dem Hochbett aufgebaut ist. Was mein Mann nicht weiss ist, dass niemand das Tipi betreten darf, der keine ausdrückliche Einladung von Mina hat. Alle Kuscheltiere - ebenfalls Weihnachtsgeschenke - haben dort ihren Platz. Erst tags zuvor hatte ich meinem Mann vom traumapädagogischen sicheren Ort erzählt. Ich hatte nämlich gelesen, dass der für einige Pflegekinder ein Zelt sein kann. Dieser sichere Ort im geografischen Sinn ist gleichbedeutend mit einem Rückzugsort, an dem sich ein Kind verstecken und dort sicher fühlen kann. Sein Kommentar dazu lautete: "Mina ist ja gar nie im Zelt." Den Rest bekam er offenbar nicht mit. Zugegeben, es war Abend und er lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett, als ich ihm vom sicheren Ort erzählte...


Zurück zu Mina, die fertig gezählt hat und sich nun auf die Suche nach ihrem Papa macht. Mina ist fix und spürt meinen Mann schon bald in ihrem Zelt auf. Zuerst ist alles okay. Doch dann entdeckt sie, dass die Holzstangen, an denen das Tipi befestigt ist, verschoben und nicht mehr an ihrem Platz sind. Die Stoffbahnen sind ineinander verwickelt und die Kuscheltiere liegen in wild durcheinander im Zelt. Klar, wenn sich ein Erwachsener in einem Kinderzelt versteckt. Als Mina das Ausmass der Verwüstung sieht, fällt sie von einem Moment zum anderen in den roten Zustand. Sie kreischt und schreit laut: "Du hast mein Zelt kaputt gemacht!!!"


Mein Mann will helfen und entschuldigt sich tausendmal. Doch Mina ist unzugänglich für die guten Worte des "bösen Verursachers" und schreit ihn weiter an. Obwohl die Situation ernst und alles andere als zum Lachen ist, steigt in meinem Innern das Bild eines grossen Bärs auf, der sich an einem geschützten Ort zum Schlafen hinlegen will. Dabei merkt er nicht, dass er irrtümlich in einen Bienenstock geraten ist. Die Bienen sind zu Tode erschrocken und fühlen sich an Leib und Leben bedroht. Mit einem gewaltigen Surren stürzen sie sich auf den verdutzten Bären, der nicht weiss wie ihm geschieht.


In echt sieht unser Menschenbär irgendwann ein, dass er angesichts der Bienen im roten Zustand nichts ausrichten kann, und trottet aus dem Zimmer. Und wie bringen wir jetzt wieder Ordnung in Minas Zelt- und Gefühlschaos?


Zu einer unserer leiblichen Töchter hätte ich jetzt wohl gesagt: "Jetzt ab ins Bett. Es ist schon lange Schlafenszeit. Wir lassen das Zelt einfach so wie es ist und schauen morgen weiter." Bei Nora, Julia und Yasmin hätte das wahrscheinlich funktioniert. Wäre ja auch nur ein Zelt gewesen. Aber für Mina ist das Tipi offenbar nicht einfach irgendein Zelt, sondern ihr sicherer Rückzugsort, also mit vielen Emotionen verbunden. Deshalb kann ich sie jetzt unmöglich ins Bett schicken. Zuerst muss sie innerlich wieder ruhig werden und sich sicher fühlen, damit an Schlaf auch nur zu denken ist.


Und so beginnen die schluchzende Mina und ich abends um halb zehn mit der Reparatur ihres Zeltes. Schritt für Schritt stecken wir die Holzstangen wieder behutsam zusammen, wickeln die Tücher auseinander und stellen das Zelt so hin, wie es vorher war. Dann richtet Mina das Zelt wieder "richtig" ein: Zuerst kommen der Sitzsack und das gestreifte Tuch sorgfältig darüber gebreitet auf den Boden. Dann legt sie jedes Kuscheltier an den dafür vorgesehenen Platz. Und dann kann sie beruhigt ins Bett steigen.


Ende gut, alles gut? Wieder einmal haben wir Pflegeeltern es gut gemeint und sind trotzdem in die Falle getappt. Mein Mann hatte keine Vorstellung davon, dass Minas Zelt ein heiliger Zufluchtsort ist. Für ihn sind verschobene Zeltstangen Peanuts: Wieder zurechtrücken und gut ist. Für Mina dagegen war das eine Katastrophe: Ein sicherer Ort, der zusammengebrochen ist. Da hilft nur eines: Wiederherstellen des sicheren Ortes, sich selber verzeihen und es nächstes Mal besser machen. Und sich als Bär einem Bienenvolk künftig nur langsam und vorsichtig nähern...



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