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  • Caroline

Der Piks

Aktualisiert: 31. Okt. 2023

Gestern war wieder mal Impftermin beim Kinderarzt. Eine kurze Sache, meinte die Praxisassistentin am Telefon. Wir könnten um 8 Uhr kommen, schnell die Impfung machen und dann gleich wieder gehen. So verpasse Mina möglichst wenig von der Schule. Nur ein Klacks, sozusagen. Doch bei Mina sind Körperuntersuchungen und Eingriffe wie Impfen oder Blutnehmen alles andere als ein Klacks.


Ich erinnere mich... Mit neun Monaten hatte Mina ihren ersten Unfall: Sie krabbelte überraschend schnell über das breite Elternbett und stürzte auf der anderen Seite kopfvoran auf den Holzboden, bevor ich auch nur pieps machen konnte. Nicht weiter tragisch, denkt ihr jetzt vielleicht: Bestimmt ist sie da mit einer Beule und dem Schrecken davongekommen. Leider nein. Eine unserer Teenagertöchter hatte sich just diesen Abend ausgesucht, um einen leeren Teller neben dem Bett stehen zu lassen, und Mina knallte mit ihrem Köpfchen genau darauf. Der Teller zerbrach und riss Mina die Stirne auf. Die Wunde blutete so stark, dass wir die Blutung nicht selber stillen konnten. Also in den Notfall mit dem schreienden Kind. Bis wir im Spital eintrafen, war Mina - vermutlich unter Schock wegen des herablaufendes Blutes - eingeschlafen. Dieser Umstand ermöglichte dem Personal einen kurzen Blick auf die Wunde, aber auch nicht mehr. Mina erwachte und schrie los, sobald jemand fremdes in einem weissen Kittel sie berühren wollte. Immer wenn die Weisskittel Abstand nahmen, versiegte auch das Weinen. Kamen sie näher, fing es wieder an. Was tun? Die diensthabende Ärztin erklärte, sie müsse die t-förmige Wunde auf jeden Fall nähen. Ob wir Mina einfach festhalten und runterdrücken wollten, damit sie in Ruhe arbeiten könne? Wenn Mina dabei schreie, störe sie das nicht, meinte sie ungerührt. Auf keinen Fall, dachte ich spontan. Mir kam das so vor, als müssten wir Pflegeltern dem armen Kind Gewalt antun und damit die Beziehung zu Mina aufs Spiel setzen. Schaudernd lehnten wir den Vorschlag ab. Unterdessen habe ich gelernt, dass man auch mit einem noch ganz kleinen Kind reden und ihm erklären kann, was nötig zu tun ist, was auf es zukommt und dass man damit die Beziehung trotzdem nicht gefährdet, sondern im besten Fall sogar festigen kann. Aber ich greife vor...


Nun gut, dann müsse sie Mina unter Narkose nähen, erwiderte die Ärztin. Weil es Abend war, dauerte es, bis eine babyspezialisierte Anästhesistin gefunden werden konnte. Egal, ich war nur froh, dass wir Mina nicht "runterdrücken" mussten, wie die Ärztin es so drastisch ausgedrückt hatte. Im Nachhinein erfuhren wir, dass unsere intuitives Nein gegen eine Wach-OP wohl begründet gewesen war. Die Ärztin berichtete nämlich, dass sie bei Mina ganz unten auf der Knochenhaut ein paar Porzellansplitter entdeckt und diese vor dem Nähen zuerst habe entfernen müssen. Die Splitter stammten natürlich vom zerbrochenen Teller... Ich hätte unsere pubertätsgesteuerte Tochter schütteln mögen!


In den folgenden Jahren festigte sich bei Mina das "Mich-darf-niemand- ausser-meinen-Eltern-anfassen"-Muster. Beim Kindergartenreife-Untersuch durch den Kinderarzt war kein Anschauen des Genitalbereichs möglich; Temperaturmessen ging auch nicht, etc. Als bei ihr mit etwa vier Jahren wieder einmal eine blutende, klaffende Kopfwunde genäht werden musste - diesmal war Mina auf dem Trotti zu temperamentvoll durch die Wohnung gerast - versagten alle gut gemeinten Ablenkungstricks des Notfallpersonals. Statt auf die lustige Tierfigur schaute Mina stur auf die Hände der Pflegefachfrau und wehrte diese ab. Ich hatte das Gefühl, dass die Frau bei Mina mit ihrem Latein am Ende war. Zum Glück konnte die Wunde geklebt statt genäht werden. Und als Mina dann mit 5 Jahren einen Eiterfinger hatte, weigerte sie sich schlicht, in die Kinderpermanence-Praxis hineinzugehen oder sich von mir hinein tragen zu lassen. Im Gegenteil, sie rannte mir einfach weg. Ich musste sie zuerst wieder einfangen und sachte beruhigen. Irgendwann kam dann eine nette Ärztin in den Flur hinaus und behandelte Mina dort, bzw. gab mir einen Becher mit einem Fingerbad, denn niemand durfte sie berühren ausser mir.


Ich begann mir Sorgen zu machen, wie das wohl weitergehen würde. Doch dann fanden wir einen neuen Kinderarzt! Dieser meinte, es sei allein Aufgabe des Spital- oder Arztteams, eine medizinische Situation für ein Kind vertrauenerweckend zu gestalten. Der Arzt sei für das Kind da und nicht das Kind für den Arzt:) Er verzichtete bei der ersten Konsultation - die Schulreifeuntersuchung stand an - darauf, Mina anzufassen, weil sie ihn ja noch gar nicht kenne. Dafür spielte er mit ihr Verstecken und erklärte, man müsse Mina nur beim Herumtollen zuschauen, dann sehe man, dass sie wachse und gedeihe. Dies reiche ihm fürs Erste. Tränen der Dankbarkeit und Erleichterung stiegen in mir auf. Endlich jemand, der mit Mina umgehen konnte. Und gleichzeitig war ich gespannt, wie es der neue Kinderarzt wohl deichseln würde, wenn er Mina einmal tatsächlich würde berühren und behandeln müssen...


Ich sollte es bald erfahren: Als vor einem Jahr eine Impfauffrischung an der Reihe war, wandte sich der Kinderarzt direkt an Mina, statt über ihren Kopf hinweg mit mir zu sprechen. Er erklärte ihr, wozu Impfungen gut seien, und dass es dafür einen Piks brauche. Und da der Piks so heisse, pikse er natürlich. Aber er glaube fest, dass Mina das schaffe. Auf seine Frage, ob sie mit dem Piks einverstanden sei, erwiderte sie nichts. Der Kinderarzt akzeptierte dies und meinte, dann werde er mal die Vorbereitungen für die Impfung treffen. Mina liess das geschehen und nickte schliesslich ganz leicht, als er ihren Arm nahm und fragte, ob sie nun bereit sei für den Piks. Ich staunte.


Gestern war eine Zeckenimpfung dran. Für mich immer noch weit von einem Routineklacks entfernt. Doch diesmal nickte Mina sogleich mit dem Kopf, als der Kinderarzt sie fragte, ob sie mit dem Piks einverstanden sei. Beim Einstich zuckte sie leicht zusammen wie jedes Kind, hielt aber ganz still. Und nach einem Gipfeli für Mina gings ab in die Schule - genau wie die Praxisassistentin es vorgeschlagen hatte. Ihre Lehrerin erzählte mir später, Mina sei nach dem Impfen ganz fröhlich in die Schule gekommen. Ein Hoch auf Mina und auf unseren Kinderarzt!


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