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  • Caroline

Der Muttertag

Wozu gibt es eigentlich den Muttertag? Um sich jedes Jahr den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man ihn am besten gestaltet...


"Wie wäre es mit einem Ausflug ins Grüne, wo es alle schön haben?", schlage ich vor. "Weisst du, Mama, in einem Paralleluniversum wäre das sicher eine schöne Idee," meldet sich Julia, unsere realistische Zweitälteste, zu Wort. "Aber denk daran, dass Papa gerade das Knie operiert hat und an Stöcken herumhumpelt, Nora mit ihrem Blinddarmabszess noch im Krankenhaus ist und Mina nicht gerne Auto fährt." Okay, okay, ich habe verstanden. Die Fantasie ist mal wieder mit mir durchgegangen. Wir einigen uns auf einen Brunch bei uns zu Hause.


Dann lädt uns Yasmin, die vor ein paar Tagen in eine eigene kleine Wohnung gezogen ist, zu sich ein. Bei dieser Gelegenheit könnten alle ihr neues Zuhause bewundern. "Am besten nimmst du mit Mina den Bus zu Yasmin, dann haben wir Platz fürs Omi und für Nora, die gestern aus dem Spital nach Hause durfte", meint Romeo, mein Mann, als er mich von zweimal Fahren reden hört. Sagte ich schon, dass er auch zur realistischen Sorte gehört...?


Bevor wir uns auf den Weg machen, haben wir noch ein kleines Problem zu klären: Gestern Abend hat Mina nach einer Konfrontation mit Romeo seinen Schlüsselbund eingesteckt und nicht mehr herausgerückt. "Papa ist selber schuld, er hat mir die Verstellteile für die Krücken weggerissen, jetzt kann er sie behalten, und ich behalte seine Schlüssel." Mina-Logik. Mit ihren acht Jahren fährt sie voll auf die Krücken ab, die Romeo nach der Meniskus-OP baucht. "Mami, kannst du mir das Bein brechen, damit ich auch Stöcke bekomme?", hat sie mich erst gestern gefragt.


"Mina, bis spätestens heute Abend, wenn du ins Bett gehst, muss Papas Schlüsselbund wieder da sein, denn morgen braucht er seine Schlüssel. Seine Firma müsste sonst alle Schlösser austauschen lassen und wir das von unserer Wohnung, wenn der Schlüsselbund weg ist, und das wäre sehr teuer." "Ich gebe die Schlüssel nicht zurück. Papa ist ganz selber schuld, dass er sie nicht mehr hat." "Mina, die Verstellteile gehören an die Stöcke, und der Schlüsselbund zu Papa", stelle ich noch einmal klar. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Schlüssel sicher im Versteck verwahrt bleiben und nicht etwa mit uns zum Brunch kommen, machen wir uns auf dem Weg. Den Rest regeln wir später.


Der Brunch bei Yasmin beginnt gut und endet abrupt: Trotz meinen Bemühungen, für Mina ansprechbar zu sein, fällt sie in irgendwann in ein seelisches rotes Loch und schreit nur noch. Da Mina nicht mit auf den Spielplatz will und auch sonst nichts hilft, gehen die anderen zügig heim. Ich bleibe bei Yasmin und versuche Mina zu beruhigen.


Was ich ohne Kuscheltuch, Teddy und Bettdecke mache, um Mina zu stabilisieren? Ich summe Einschlaflieder vor mich hin, die Mina hören kann, wenn sie mal Luft holt. Ich stelle mir vor, dass sie wieder ein Baby ist, das ich auf den Armen wiegen kann, um es zu beruhigen. Mit der Zeit wird ihr schrilles Schreien leiser und leiser. Ich hole unsere Schuhe und stelle sie vor Mina hin. Ein paar Minuten später können wir uns auf den Heimweg machen.


Daheim brauche ich erstmal ein Schläfchen. Danach bin ich soweit ausgeruht, dass wir in die Badi gehen können, so wie es der Plan vorsieht. Ich will das Baden nicht als Druckmittel verwenden, deshalb sage ich zu Mina: "Es wäre super, wenn du jetzt noch die Schlüssel von Papa holst und zurückgibst. Dann haben wir das erledigt. Du weisst ja, er braucht sie morgen." Dieses Mal geht Mina ohne weiteres zu ihrem Bett und zieht die Schlüssel hervor, die sie unter der Matratze versteckt hat. "Willst du sie Papa bringen, Mina?" "Nein, mach du", murmelt sie und drückt sie mir in die Hand.


Als ich Romeo seinen Schlüsselbund überreiche, seufzt der erleichtert auf und sagt: "Du bist einfach die Beste!" Ist es nicht genau das, was man am Muttertag hören will...?



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