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  • Caroline

"Chnopf ide Leitig"

Aktualisiert: 19. Jan. 2023

Kennt ihr dieses Gefühl der Unsicherheit und Hilflosigkeit, wenn die Kommunikation mit eurem Pflegekind auf einmal blockiert ist? Wenn ihr versucht, einen Zugang zum Kind zu finden, es aber unerreichbar wirkt? Wenn ihr anerkennen müsst, dass ihr nichts tun könnt, um das Kind zum Reden zu bringen?


Ich kenne das nur zu gut. Gestern Nachmittag zum Beispiel: Mina kommt von der Nachmittagsschule heim, zieht Jacke und Schuhe aus und ruft: "Ich gehe in mein Zimmer." Ich bin verblüfft und gehe ich ihr nach zum Zimmer und klopfe. Dann stecke ich den Kopf ins Zimmer. Mina schreit: "Geh weg aus meinem Zimmer!" Ich schliesse die Tür und gehe ratlos ins Wohnzimmer. Nach einer Viertelstunde komme ich mit einem Raketenglacé in der Hand wieder und klopfe. "Was ist, ich will alleinsein." "Mina, ich habe dir ein Glacé mitgebracht. Möchtest du das?" "Ja, und jetzt geh wieder aus meinem Zimmer. "


Langsam gehe ich ins Wohnzimmer zurück und überlege, was ich tun kann. Ist etwas in der Schule passiert, oder auf dem Schulweg? Mina ist gewöhnlich ein umgängliches Kind, das gut kann mit Gleichaltrigen und auch mit älteren Kindern. Aber es könnte ja doch etwas geschehen sein. Und wie finde ich das heraus bei einem Kind, das offensichtlich nicht reden will?


Nach ein paar Minuten setze ich mich vor Minas geschlossene Zimmertür auf den Boden und klopfe an die Tür. Dann rufe ich: "Mina, ich habe ein Problem. Ich würde gern herausfinden, ob etwas los ist. Aber wenn du nicht mit mir redest, kann ich das nicht. Vielleicht habe ich auch etwas gesagt oder getan, was dich genervt oder dir wehgetan hat, und ich kann es nur besser machen, wenn du es mir sagst." Dies scheint Mina zu interessieren. Sie öffnet die Tür und sagt: "Ok, spielen wir zusammen? Wir legen uns im Kinderzimmer auf den Boden und spielen mit den Meerjungfrauen in ihrem seifigen Swimmingpool. Der Swimmingpool ist eine grosse Plastikdose mit Seifenwasser, den Mina vor drei Wochen eingerichtet hat. Das Wasser darin wird zu ihrer grossen Freude täglich noch schleimiger. Mina lehnt sich an mich und scheint für den Moment entspannt. Wohl nichts persönliches zwischen uns beiden. Trotzdem spüre ich schon in im Lauf des Tages wieder, dass in Minas Seele irgendwie Sand im Getriebe ist, denn sie zieht sich immer wieder in ihr Schneckenhaus zurück und reagiert schnell aggressiv, was sonst nicht ihre Art ist. Ein ungelöstes Rätsel.


Aber heute werde ich nichts mehr herausfinden, denn ich gehe am Abend noch weg. Bevor ich gehe, klopfe ich an Julias (21) Zimmertür und frage sie, ob sie am Abend mit Mina etwas Zeit verbringen und dabei vielleicht herausfinden könnte, was los ist. "Mal schauen", meint Julia. Sie ist die Ruhigste in unserer Familie und hat ein Talent für so etwas. Am nächsten Morgen erzählt Julia, dass Mina ihr tatsächlich etwas gesagt habe. Offenbar hat ein Junge, den Mina noch aus dem Kindergarten kennt und den sie vor einem Jahr als Gotti mit dem Kindergarten bekannt gemacht und eigentlich zu ihren Freunden gezählt hat, sie auf dem Heimweg einfach angespuckt hat. Da fällt mir ein, dass Mina mich schon vor zwei Tagen gefragt hat: "Hat dich schon mal jemand angespuckt, Mami?" Ich erinnere mich, geantwortet zu haben: "Nein, und dich, Mina?". Mina hat nichts dazu gesagt.


Schön und gut. Nun weiss ich, was Mina erlebt hat und was ihr auf der Seele liegt. Wie ich sie kenne, war sie vermutlich geschockt, dass ein Junge, den sie zu ihren Kollegen im Kindergarten zählte, sie so behandelt hat. Deshalb schätze ich, dass sie sich wohl auch nicht gewehrt hat, nicht mit dem Mund und auch sonst nicht. Mina hat diese Geschichte aber leider Julia anvertraut, und nicht mir.


Mir kommt eine Erinnerung aus der Zeit, als ich in Julias Alter war, und nun weiss ich, wie ich das Gespräch mit Mina beginnen kann. Ich lege mich neben sie aufs Bett und sage :"Mina, du hast mich doch gefragt, ob ich schon einmal angespuckt worden bin. Und ich habe gesagt, nein. Aber jetzt ist mir eingefallen, dass ich mal mit 20 Jahren an einer Tramstation gewartet habe. Eine Frau stand neben mir, und die hat mich plötzlich angeschrien: "Du hast mein Kind umgebracht, du hast mein Kind umgebracht!" Dann hat sie mich einfach angespuckt und weiter geschimpft. Ich war mega geschockt und hatte so Angst vor dieser Frau. Ich konnte mich nicht wehren und habe kein Wort herausgebracht. Das war echt schlimm für mich." Mina hört mir aufmerksam zu und fragte dann: "Und, hast du ihr Kind umgebracht, Mami?" "Nein, Mina, natürlich nicht, ich habe diese Frau gar nicht gekannt. Die war ganz durcheinander." Minas Anspuckgeschichte erwähne ich mit keinem Wort.


Nach diesem Gespräch scheint mir Mina gelöst, fröhlich und wieder wunderbar lebendig. Ich glaube, gerade haben sich zwei Knoten auf einmal gelöst: Der in unserer Gesprächsleitung und noch wichtiger der in Minas Anspuckgeschichte, über die sie nicht reden konnte!











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