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  • Caroline

Aufregung hoch zwei

Lampenfieber vor dem Jugendsporttag. Und ein langer Tag mit Kindern aus Familien mit wenig Struktur daheim. Zurzeit Minas Lieblingsmenschen. Ergibt am Ende des Tages eine zappelige Mina, die mir zwar sagt: "Mami, ich will bi dir si und mit dir fernsehluege," aber gleichzeitig im Zimmer herumrennt und über mich drüberspringt. Ich werde immer unruhiger und gestresster. Und sage irgendwann: "So geht das nicht für mich, Mina! Dein Herumgehüpfe macht mich wahnsinnig." Mina versucht sich zu beherrschen, hüpft aber schon bald wieder auf dem Bett umher. "Mina, hör jetzt auf," schimpfe ich laut. Sie fängt an zu weinen. Na super...


Wie war das schon wieder in der Traumapädagogik? Ohne Selbstkompetenz nützen weder Wissenskompetenz noch Handlungskompetenz etwas? Stimmt genau! Im Klartext: Ich weiss und spüre zwar deutlich, dass Mina innerlich sehr unruhig ist und sich dringend beruhigen können müsste. Aber indem ich mich durch ihr Verhalten ebenfalls stressen lasse, helfe ich Mina gar nicht dabei. Am liebsten würde ich sie schütteln und anschreien: "Beruhige dich endlich, Mina!!!" Das Problem dabei ist, dass sie sich eben nicht beruhigen KANN. Sonst würde sie es nämlich tun. Wenn ich sie anschreie und von ihr verlange, dass sie sich beruhigt, damit ICH wieder ruhig werde, stresse ich sie nur noch mehr. Das Einzige was hier helfen könnte, ist, dass ich mich zuerst selber beruhige und auch so bleibe, auch wenn Mina noch unruhig ist. "Unmöglich," sagen meine Gefühle. "Es ist aber nötig, dass du jetzt vorangehst," sagt meine traumapädagogische bessere Hälfte. Und wie mache ich das jetzt genau?


Als erstes stelle ich den Fernseher aus - meinen Film verschiebe ich auf heute Abend, wenn Mina schläft - und gehe aus dem Raum. Das verschafft mir den nötigen Abstand zu Minas Unruhe, damit ich tief durchatmen und mich wieder beruhigen kann. Dann überlege ich: Was beruhigt Mina denn sonst, wenn sie "triggert", wie mein Mann so schön sagt? Wie kommt sie am besten zur Ruhe? Noch immer fällt es mir schwer, klar zu denken. Viel lieber hätte ich, dass sich Mina einfach subito beruhigt. Dann könnte ich auch viiiel besser denken... Aber so rum funktionierts leider nicht. Ich könnte... mit Mina in ihr Zimmer gehen. Schauen, was sie dort machen möchte. Einfach für sie da sein. Gesagt, getan. Wir gehen in Minas Zimmer, und ich setze mich zu ihr auf den Boden. "Ich bin jetzt einfach da,", sage ich mir innerlich. Mina schaut sich um. Und sieht, was die Kinder, die heute zu Besuch waren, alles umgestellt und "kaputtgemacht" haben, wie sie sagt. Dann beginnt sie, die Figuren im Playmobilhaus wieder so hinzutun wie sie vorher waren. Und schon bald höre ich sie vor sich hin summen. Zurück im grünen Bereich. Natürlich, fällt's mir wie Schuppen von den Augen. So ist's ja bei Mina: Äussere Ordnung schafft innere Ordnung. Handlungskompetenz klar vorhanden, denke ich.


Da wir für den Sporttag morgens um sechs Uhr aufstehen müssen, ist es schon bald Zeit fürs Bett, früher als gewöhnlich. Ich verdunkle Minas Zimmer. Auch in meinem Zimmer, das nebenan liegt, und im Wohnzimmer ziehe ich die Vorhänge zu, denn draussen ist es noch ganz hell. Friedlich liegen wir im Dunkeln nebeneinander auf Minas Bett. Nach fünf Minuten wünsche ich ihr wie immer gute Nacht. "Mami, ich bin noch nicht müde," sagt Mina. "Ja, ich weiss, es ist früher als sonst. Du kannst einfach wach im Bett liegen, das ist okay," erwidere ich. Als ich 5 Minuten später nachsehe, schläft Mina tief und fest. Dankbarkeit erfüllt mein Herz. Zum Glück ist es mir gelungen, mich selber zu beruhigen und Mina auch dabei zu helfen. Und jetzt schläft sie friedlich, nur Stunden vor dem Sporttag, der ihr noch vor wenigen Tagen so Bauchweh machte. Pflegekinder - So sensibel und schnell aus dem Gleichgewicht. Und auf der anderen Seite wieder ganz vertrauensvoll und durchaus in der Lage, sich wieder zu beruhigen, wenn wir das nur auch selbst hinkriegen...




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