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  • Caroline

Alles verkehrt

Dienstag Morgen 7.30 Uhr. Zeit zum Aufstehen für Mina. Zuerst ist alles wie gewöhnlich. Mina stellt sich schlafend, als ich ins Zimmer komme. Und weil sie das so echt macht, glaube ich jedes Mal, dass sie tatsächlich noch schläft. Wir müssen beide lachen, weil sie es wieder einmal geschafft hat, mich reinzulegen.


Doch als es daran geht, die Kleider anzuziehen, kommen wir nicht weiter als bis zu den Socken und der Unterhose. "Mami, welche Hose soll ich anziehen?" Das ist bei Mina eine Fangfrage. Meistens bedeutet das, dass sie bereits gestresst und im gelben Zustand ist. Und dann ist jede Antwort die falsche. "Hmmm... ", versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen. "Hier liegt die grüne Hose und da noch die blaue von gestern." "SAG DU, welche Hose." O nee, denke ich. "Die blaue Hose?" "Nein!" "Die grüne?" "Nein, das geht nicht!!" Mina fängt an zu schreien und ist sofort im Kreisch-Sägen-Modus. Ich seufze und würde Mina am liebsten anzuschreien, sie solle sofort aufhören mit Schreien... "Ok, ich glaube, wir brauchen jetzt zuerst mal das Kuscheltusch und den Teddy aus dem Bett", sage ich zu uns beiden und mache mich auf den Weg ins Kinderzimmer.


Mina sitzt weiter lauthals schreiend auf dem Badezimmerboden. Ich lege ihr das Kuscheltuch um den Hals und halte ihr den Teddy hin, den sie auch nimmt. Das Schreien ebbt ab, Mina kommt zur Ruhe. Gut, wieder ein Stresslevel tiefer. Mittlerweile weiss ich, dass in Minas Innerem etwas in Aufruhr sein muss, wenn sie sich beim Anziehen so verhält, als ob sie extra nicht mitmachen würde. Mir kommt das dann so vor wie Bocken. Nun ja, es ist der zweite Schultag nach den Ferien. Richtig drin im Schulrhythmus sind weder Mina noch ich. Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass sich der lange Schultag für sie grad anfühlt wie ein Riesenberg. Mir hilft es, mich in Mina hinein zu versetzen, denn nun kehren meine Geduld und meine eigene innere Ruhe langsam wieder zurück. "Einen Gang runterschalten, Caroline," sage ich zu mir selber. "Es dauert nun einfach so lange wie es dauert." Meine Sportstunde, die um acht Uhr beginnt, habe ich bereits abgeschrieben. Und was mache ich jetzt mit dem Unterhosen- und Sockenkind?


Als Alternative zur abgeschmetterten blauen und grünen Hose ziehe ich die schwarze Hose aus dem Schrank. Die hat zwar einen Leimfleck, der nicht mehr rausgeht, aber vielleicht... "Aber Mami, wenn ich die Leimhose anziehe, brauche ich ein anderes T-Shirt für unter den Pulli." Als ob man das T-Shirt unter dem Pulli sehen könnte, denke ich. Egal, nicht meine Logik muss zufriedengestellt sein, sondern Minas... Mina guckt nun akribisch alle T-Shirts durch und kann sich dann zum Glück für eines entscheiden. Schrittchen für Schrittchen macht sie sich ready to go. "Mami, ich brauche jetzt doch einen anderen Pulli, denn heute Abend ist ja Mädchenriege und da muss ich meinen schwarzen Riegen-Pulli anhaben." Ja, dann wechseln wir halt auch noch den Pullover aus. Jacke und Schuhe gehen reibungslos.


Als ich Mina schliesslich vom Fenster aus nachwinke, denke ich: Vielleicht wäre es ja überhaupt besser, wenn ich am Dienstag die Sportstunde um neun Uhr statt um acht Uhr besuche? Das würde mein eigenes Stresslevel tief halten, wann immer sich der nächste völlig verkehrte Dienstagmorgen einstellt. Und es würde mir erst noch Zeit geben, in Ruhe meinen Morgenkaffee zu trinken, wenn Mina weg ist.




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