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  • Caroline

Und dann kam Timo

Aktualisiert: 19. Jan. 2023

Heute ist Sonntag. Lagebesprechung. Mina, mein Mann und ich legen uns neben Minas Balkon-Hütte auf den Boden und reden darüber, was wir heute Nachmittag machen könnten. Alle haben drei Vorschläge frei.


Mina: Ich will in die Badi A, die Badi B oder nichts anderes.

Mein Mann: Am liebsten in den Wald, dann in die Badi A oder in den Schrebergarten.

Ich: In den Wald, daheim Brownies backen oder in die Badi C.


Nach kurzem Nachdenken schlage ich vor: „Wie wäre es damit: Ihr beide geht in die Badi A und ich mache daheim die Brownies?“


Alle sind einverstanden. Ich helfe Mina, sich für die Badi bereit zu machen. Doch als es darum geht, die Schuhe anzuziehen, gerät alles ins Stocken. Mein Mann steht bei der geöffneten Wohnungstür und sagt: „Komm, Mina, wir gehen.“ Doch Mina macht keinen Schritt mehr. Ich ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und schliesse die Tür. Ich hoffe, dass es dann geht, wenn ich nicht mehr dazwischen stehe. Ich höre meinen Mann mit Mina reden und auf zehn zählen, ohne Erfolg. Schliesslich zieht er seine Schuhe wieder aus und setzt sich ins Wohnzimmer. Wir sind beide frustriert. Mein Mann über die plötzliche Planänderung, und ich weil ich fast freie Zeit für mich gehabt hätte, aber nun noch nicht.


Mina hingegen wirkt eher erleichtert und backt mit mir zusammen Brownies. Dann weiss wieder niemand so recht, wie es nun weitergehen soll. Mich beginnt alles zu nerven. Statt endlich mal ein paar schöne Stunden für mich allein zu haben, sitzen wir nun zusammen an diesem wunderschönen Nachmittag zu Hause fest. „Nein, ich bin nicht wütend auf dich", sage ich wütend zu meinem Mann... Da läutet es an der Türe. Mina geht nachschauen. Timo, ein gleichaltriger Junge aus unserer Siedlung, will mit Mina abmachen. Begeistert kommt sie die Treppe hoch und sagt: „Ich gehe mit Timo in der Siedlung Wasserschlacht machen.“ Sie schnappt sich ihre Wasserpistole und ist weg.


Mein Mann und ich schauen uns verblüfft an. Was war das gerade? In die Badi zusammen mit meinem Mann geht nicht, aber allein nach draussen ist kein Problem für Mina? Zuerst haben wir beide Mühe, uns nach diesem erneuten Richtungswechsel wieder umzustellen. Mein Mann schafft das schneller als ich. Er sagt zu mir: „Ich gehe dann mal in den Schrebergarten die Pflanzen wässern, ok? Ruf mich an, wenn du mich brauchst.“


Nun habe ich meine freie Zeit daheim, abgesehen vom regelmässigen Läuten an der Türe. ("Mami, kann ich ein Badetuch haben?“ "Mami, ich gehe jetzt für eine halbe Stunde zu Timo, dann kommt er zu mir, ok?" "Mami, wir haben Durst" etc.).


Als ich später darüber nachdenke, erkenne ich, dass es für Mina gut und wichtig war, dass wir ihr Nein respektiert haben, allein mit meinem Mann in die Badi zu gehen. Aus ihrer Sicht hätte sie beim Weggehen vermutlich freiwillig auf mich verzichtet. Ich schätze, dass Mina die Beziehung zu mir, die sich für sie in dieser Situation plötzlich unsicher anfühlte, durch ihr Nicht-Weggehen selbstwirksam „retten“ konnte. Und auf einmal war es kein Problem mehr für sie, ohne uns beide in die Siedlung spielen zu gehen.


"Guter Timo", denke ich. "Du bist genau im richtigen Moment aufgetaucht." Und dann geniesse ich meine freie Zeit zu Hause…
























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