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  • Caroline

Immer wieder Fehler machen

Montagmorgen. Kennt ihr das? Die langersehnten Ferien sind da, und dann können sich die Kinder auf nichts einlassen. Begonnen hat der Morgen gut. Mina und ich haben uns die Rechenhefte, Zeichnungen und anderen Kunstwerke der 1. Klasse angeschaut und ihre grosse Arbeit gewürdigt. Dann haben wir überlegt, was vom ganzen Material in ihrem Zimmer bleibt und was in den Keller gehört. Die Rechen- und Schreibhefte kommen in den Keller, schlägt Mina vor. Dazu bindet sie die Hefte mit einem Wollfaden zusammen. Wozu? Kann sie nicht beantworten, aber das muss so sein. Dann brauche ich eine Pause für mich. "Okay, dann halt," sagt Mina. Nach ein paar Minuten höre ich, wie sie in ihr Zimmer geht. Gut, dann hat sie jetzt wohl ins Selberspielen hineingefunden, denke ich dankbar. Doch kurze Zeit später kommt Mina schon wieder ins Wohnzimmer gelaufen. "Bist du jetzt fertig mit deiner Pause? Die dauert ja ewig..." Ja, ganze 15 Minuten, denke ich seufzend. Aber wir müssen sowieso noch in die Migros, Lebensmittel einkaufen. "Okay, Mina, Pause vorbei. Gehen wir einkaufen. Wir brauchen wieder zu essen nach dem Wochenende."


"Nein, ich will nicht einkaufen gehen." "Aber Mina, es ist nötig." "Nein, wir haben doch genug zu essen daheim," sagt Mina hartnäckig. Cleveres Kind. Verhungern würden wir heute definitiv noch nicht. Aber ich würde gerne ein Thaicurry kochen, und dazu brauche ich Kokosmilch, Gemüse, etc. Was mache ich denn jetzt? Druck aufsetzen und sagen, wir gehen, basta? Schwierig, wenn sie auf gar keinen Fall mitwill. Abwarten? Später nochmal fragen? Draussen sehe ich Eltern mit ihren Kindern in die Migros gehen. Bei denen geht das auch. Warum bei uns nicht?


Manchmal ist es wirklich schwierig, ein Pflegekind "zu lesen" und das Richtige zu tun. Die Umgebung um mich herum, meine Eltern, meine Kollegin, die NachbarInnen, eine Zeitschrift, die helfen mir bei diesen Alltagsentscheidungen allesamt nicht weiter: "Das Kind muss sich anpassen." "Schau bloss, dass du sie nicht verwöhnst, nur weil sie ein Pflegekind ist." "Geh doch abends einkaufen, wenn noch jemand anderer zu Hause ist," etc.


Manchmal habe ich überhaupt keinen Durchblick. So wie vorgestern, als wir bei Freunden zum Abendessen eingeladen waren. Während der Gastgeber ein köstlich duftendes Roastbeef auf dem Grill brutzeln hatte, liess mir Mina gefühlt keine freie Minute. Wenn ich mich hinsetzte, um etwas zu trinken, kletterte sie flink wie ein Chamäleon auf meine Stuhllehne und sagte: "Was machen wir, Mami?" Als ich dann vor dem Essen mit Mina auf dem Platz neben dem Haus Schach spielen musste statt wie die anderen im Liegestuhl zu entspannen, wurde ich innerlich so wütend. Auf Mina. Auf meinen Mann, der es sich gutgehen liess. Auf... Keine Ahnung. Und das Selbstmitleid packte mich. "Und was ist mit mir? Ich habe ja überhaupt nichts von diesem Besuch. Was ist das nur für ein Samstagabend für mich?" Dabei hatte ich in weiser Voraussicht eine Tasche mit Spielen von zu Hause mitgenommen und das Tablet eingepackt, auf dem Mina zu Hause gerne mal ein paar Kindergeschichten guckt. Doch an diesem Abend wollte Mina die Spiele nicht mal aus der Tasche holen und um keinen Preis Geschichten am Tablet gucken. Sie wollte gar nichts. Bloss an mir kleben. Ab und zu konnte die Gastgeberin Mina mal von meiner Seite weglocken. Zum Glück.

Erst am nächsten Tag dämmerte es mir, was beim Besuch wohl los gewesen war. Ich überlegte: Was hatte ich denn vor ein paar Wochen gemacht, als wir bei Freunden zu Besuch waren? Stimmt, da hatte ich mich entschlossen, innerlich für Mina erreichbar zu sein und meine Antennen bei ihr zu haben. Das war für mich zwar anstrengend gewesen, aber lohnend für Minas inneren Zustand. Natürlich, ich hätte mich auch dieses Mal wieder so einstellen sollen! Stattdessen nervte ich mich den ganzen Abend über Mina. Ob es etwas geändert hätte, wenn ich meine Antennen auf Mina-Empfang gehabt hätte? Sehr wahrscheinlich schon. Denn da gibt es Minas spezielle, traumapädagogische Empfindlichkeit: Das Erleben grosser Unsicherheit, wann immer sie die Beziehung zu mir gefährdet sieht. Wenn ich dann beim Besuch mit anderen rede und Mina keine Aufmerksamkeit von mir spürt, kann sie leicht in einen Alarmzustand geraten. Gelber Zustand, bedrohlich und gefährlich. Je mehr ich sie dann abschütteln möchte, desto dringender wird es für sie, mir auf Schritt und Tritt zu folgen. Tja, späte Einsicht. Nächstes Mail mache ich es besser. Und plane mir dann für den nächsten Tag ein paar Stunden Selbstfürsorge und Auftanken ein...


Übrigens: Was ist für uns die beste Art, mit Fehlern umzugehen, die uns unweigerlich passieren? Wenn ich mal wieder zu spät merke, wie ich es hätte anpacken sollen? Dem Pflegekind die Schuld geben? Macht nichts besser. Sich selber mies fühlen, weil man es man wieder nicht gecheckt hat? Auch nicht. Traumapädagogisch betrachtet heisst die Antwort: Anerkennen, dass ich in einer Situation das Beste gemacht habe, was mir in den Sinn gekommen ist. Genau wie mein Pflegekind auch. Ebenfalls anerkennen, dass ich nur ein Mensch und deshalb nicht perfekt bin. Und dass ich das Bedürfnis gehabt hätte, beim Besuch ein paar Stunden einfach nur für mich zu schauen. Mitgefühl (Empathie) mit mir selber aufbringen statt mich in Selbstverdammungsgedanken zu verlieren. Neue Kraft schöpfen und weitergehen... Das Bild mit der Piratenklappe passt auch, wenn wir uns als Pflegeeltern selber betrachten: Mit welchem Auge schauen wir uns im Spiegel an, wenn wir mal wieder etwas hätten besser machen können? Das Verhaltensauge sagt: "Noch immer nicht gut!". Aber das Anerkennungsauge sagt: "Ich sehe deine Anstrengungen. Gut gemacht, weil das Beste gewollt und das Bestmögliche gemacht!" Voilà.





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