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  • Caroline

Eines schönen Tages

Aktualisiert: 12. Jan. 2023

Herbstferienzeit. Mina war die letzen zwei Tage im Ferienhort, und ich habe fleissig gearbeitet. Heute ist endlich wieder mal ein Tag, an dem wir beide zu Hause sind und keine Termine haben. Nichts müssen... Herrlich...


"Die Wäsche müsste man mal abnehmen", denke ich im Laufe des Morgens. Wie immer sage ich Mina Bescheid, bevor ich in die Waschküche gehe. Auf dem Weg nach unten ziehe ich in meine Kopfhörer an und stelle meine Lieblingsmusik an. So macht Wäscheabnehmen auch mir Spass! Doch bevor ich die erste Wäscheklammer in die Hand nehmen kann, taucht ein Schatten hinter mir auf: Mina ist mir in die Waschküche gefolgt. Das kommt öfters vor. Sie hilft mir dann meistens beim Wäscheabnehmen und wir plaudern dazu.


Aber nicht heute. Mina beginnt mich ohne Vorwarnung zu treten und zu schlagen. Keine Ahnung, was da los ist... Ich halte ihre Arme kurz fest und sage: "Mina, ich will nicht, dass du mich schlägst oder mir Tritte gibst." Sobald ich sie loslasse, holt sie wieder aus. Ihr Verhalten zusammen mit ihrem finsteren Gesichtsausdruck lässt mich vermuten, dass Mina sich im roten Zustand befindet. Das heisst, dass sie momentan wie in einem Tunnel ist, praktisch unerreichbar für meine Worte im Hier und Jetzt. Stattdessen ist sie wahrscheinlich zurückversetzt in einen traumatischen Vergangenheitszustand, in dem es ums nackte körperliche oder seelische Überleben ging.


À propos Überleben: Mina holt immer weiter aus und schreit dabei: "Geh weg!." Ich sage ihr, dass ich gerne weggehen würde, dass sie mich aber ja nicht lässt. Wahrscheinlich braucht sie es, dass ich bei ihr bleibe, denke ich. Schnell ziehe ich meine Brille und die Kopfhörer aus und bringe sie zusammen mit mit dem Handy, das die Musik abgespielt hat, in Sicherheit. Währenddessen packt mich Mina an den Haaren. So sanft wie möglich löse ich ihre Hände und suche nach einem Gesprächsthema, das sie in die Gegenwart zurückbringen könnte. Aber weder die Erwähnung der Dinokekse, die Mina heute unbedingt backen will noch meine Frage, welche Farbe das Krokodil auf ihrem T-Shirt wohl annimmt, wenn sie die Pailleten umdreht, fruchten etwas.


Schliesslich nehme ich Mina mit hinauf in die Wohnung und gehe mit ihr auf den Balkon. Vielleicht holt sie ja die frische Luft zurück in die Gegenwart? Leider nicht. Ich überlege, was wohl vorgefallen sein könnte, dass Mina in diesen Zustand geraten ist. Hmm... Bevor ich in die Waschküche ging, habe ich Minas Bettwäsche abgezogen, die wieder mal eine Wäsche vertragen konnte. Davor hat Mina mit Julia das Dinoheft angeguckt. Und als ich aus der Wohnung ging, hat Julia Mina doch gerade aus ihrem Zimmer bugsiert und die Zimmertüre abgeschlossen?


Der Begriff "Kritische Instabilität" aus der Traumapädagogik schiesst mir durch den Kopf. Das würde bedeuten, dass Mina heute Morgen in einer für sie unsicheren Situation war, die sie in den gelben, gestressten und für sie bedrohlichen Zustand versetzt hat. Eine oder mehrere aus elterlicher Sicht nichtige Kleinigkeiten hätten dann das Fass zum Überlaufen bringen können, und Mina wäre in den roten Zustand gekippt.


Was gäbe es denn da? Nach zwei Tagen mit fester Tagestruktur im Ferienhort ist heute wieder lockeres Nichtsmüssen daheim angesagt. Das ist für mich himmlisch, aber nicht unbedingt für Mina, denn Struktur bedeutet auch Sicherheit. Zweitens der Streit mit Julia und das vor-die-Türe-Gestelltwerden, ein Frusterlebnis, das wohl mit Unterlegenheit zu tun hat (Julia ist 21, Mina 6). Drittens der Faktor, dass ich Minas Bettzeug, ohne es ihr zu sagen, zum Waschen mitgenommen habe. Könnte sie das als Einbrechen in ihr Zimmer als sicheren Ort empfunden haben? Gut möglich. Und dass ich dann von Mina weg in die Waschküche gegangen bin, wäre dann das vielleicht das berühmte I-Tüpfelchen gewesen, das Mina kippen liess.


Die Mina in Echtzeit ist noch immer am Kämpfen und Schlagen, Treten und Haarereissen, und ich muss sie mir weiter vom Leib halten. Irgendwann mache ich ihr den Vorschlag, in ihr Zimmer zu gehen und die Türe zuzumachen ("Weggehen vom Streit, Mina, das hast du doch auch schon gemacht, weisst du noch?"). Mina schreit noch ein letztes Mal: "Geh weg" und stapft dann in ihr Zimmer.


Und was mache ich? Ich gehe wieder runter in die Waschküche, ziehe meine Kopfhörer an und stelle meine Lieblingsmusik an. Während ich die Wäsche nun tatsächlich abnehmen kann, versuche ich mir zu sagen, dass sich Mina unterdessen bestimmt beruhigt hat und die Wohnung noch stehen wird, wenn ich wiederkomme. Und siehe da: Als ich die Wohnung 10 Minuten später wieder betrete, sieht alles normal aus. Und was macht Mina? Durch die offene Zimmertüre höre ich sie singen. Yessss... Zurück im grünen Zustand - Pausenkaffee, ich komme!












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