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  • Caroline

Die Hütte

Heute ist ein besonderer Tag: Minas grosse Halbschwestern Alyne und Désirée (25 und 21) kommen zu Besuch. Ich schätze, die beiden tun das nicht unbedingt wegen Mina, sondern eher, weil sie gerne in unsere Familie eintauchen. Sie lieben es, unsere drei grossen Töchter, die im gleichen Alter sind, zu treffen, mit ihnen zu reden und zu lachen. Dass Mina dabei, ist für sie ok, aber nicht in ihrem Fokus. Allerdings könnte ich mir denken, dass die beide insgeheim gerne zuschauen, wie Mina so bei uns aufwächst. Mina jedenfalls freut sich immer, wenn sie kommen. Trotzdem ist sie auch durcheinander und fällt leicht aus ihrem seelischen Gleichgewicht. Man könnte sagen, Minas Zündschnur ist an solchen Tagen noch kürzer als sonst. Kritische Instabilität halt.


Woher ich das weiss? Heute flippt Mina schon zum ersten Mal aus, als am Morgen mehrere Familienmitglieder im Wohnzimmer auftauchen und miteinander zu reden beginnen. Das ist sonst nicht (mehr) so heikel. Also zuerst Mina wieder stabilisieren, dann den Tag gut planen. Wir brauchen mehr innere Sicherheit. Zurück im grünen oder zumindest halbgrünen Zustand stehen Mina und ich zufällig vor dem Esstisch im Wohnzimmer, als uns die gleiche Idee kommt. Mina sagt: "Mami, ich will aus dem Tisch eine Hütte machen. Ich brauche dazu alle Bettdecken und Kissen, die wir haben. Und dann schlafe ich heute Nacht darin." "Gute Idee, Mina," gebe ich grünes Licht für ihr Vorhaben. Ich finde es super, dass Mina mit ihrem Hüttenprojekt selber etwas für ihre innere Ruhe und Sicherheit tun kann. Eifrig kippt sie alle Stühle und schiebt sie mit der Rückenlehne voraus unter den Tisch, so dass die Stuhlbeine in die Luft ragen. Als Mina die Bettdecken darüber legt, entsteht so etwas wie ein Vorzelt, das rund um die Hütte reicht. Clever. Denn nun nimmt Minas Haus im Wohnzimmer einen stattlichen Umfang ein und ist nicht zu übersehen.


Mina verbringt die Zeit bis zur Ankunft von Alyne und Désirée selig in ihrer Hütte und richtet sich gemütlich ein. Auch nach der Begrüssung schlüpft sie wieder unter den Tisch, während wir miteinander schwatzen. Verborgen unter Tisch und Decken kann Mina so unauffällig mithören, was gesprochen wird, ohne dass sie jemand dabei beobachten kann. Nach einer Weile streckt Mina den Kopf aus der Hütte und sagt: "Mami, ich gehe jetzt raus zum Spielen, ok?", hüpft fröhlich aus dem Haus und überlässt uns unseren Gesprächen. Wunderbar.


Schon am Vormittag habe ich mit Mina besprochen, wie lange die Hütte stehen bleiben kann. "Mina, mein Vorschlag ist, dass wir die Hütte mit den Bettdecken heute genau so lassen. Am Tag sind ja auch alle da, und es ist lauter. Da kann ich mir gut vorstellen, dass man die schweren Bettdecken braucht, damit die Hütte beschützt ist. Nachts ist es dann aber leise, weil alle schlafen. Und zum Schlafen brauchen wir unsere Bettdecken wieder. Was meinst du, wenn wir die Wände der Hütte vor dem Schlafengehen austauschen und anstelle der Bettdecken dann Badetücher aufhängen?" Mina ist einverstanden. Soweit so gut.


Aufgrund eines Missverständnisses, von dem ich nichts mitbekomme, wird die Hütte dann aber schon für das Abendessen abgebaut, während Mina draussen spielt. "Mina sagte, es sei ok," höre ich von der Familie. Ich wundere mich sehr, denke dann aber, dass sie sich nun offenbar so sicher fühlt, dass sie die Hütte nicht mehr braucht. Doch als Mina vom Spielen heimkommt und sieht, dass ihr Haus weg ist, kippt sie direkt in den roten Zustand und beginnt zu schreien. O weh, also doch keine Erlaubnis zum Abriss der Hütte erteilt. Rasch hole ich Minas Bettdecke, den Teddy und das Kuscheltuch, und kann sie damit aus dem Wohnzimmer lotsen, bevor der Orkan losbricht. Ich verbringe nun Zeit allein mit Mina, bis ich sie zur Schlafenszeit ohne Schwierigkeiten zu Bett bringen kann.


Bevor sich Mina an diesem Abend aber endgültig ins Bett legt, flitzt sie nochmals ins Wohnzimmer rüber und überreicht Alyne und Désirée je einen gebastelten Badge zum Anstecken, den sie am Nachmittag in der Stadt am Stand einer sozialpädagogischen Institution gratis verzieren durfte. Neugierig nehmen die beiden ihr Abzeichen entgegen und lesen, was darauf geschrieben steht: HOPE - Hoffnung. Amen!


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