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  • Caroline

Das Sorgenmonster

Kennt ihr das Sorgenmonster? Das ist so ein Spring-Ding, das uns aus dem Stand anfällt, sich entweder von hinten anschleicht oder von vorne auf uns draufspringt und uns aus dem Gleichgewicht bringt. Wenn das Sorgemonster dann auf unserer Brust Platz nimmt und es sich gemütlich macht, fühlt sich sein Gewicht tonnenschwer an. Und wir fragen uns, wie es jemals wieder loswerden können.


Gestern war das Sorgenmonster bei mir zu Besuch und konfrontierte mich schon morgens um halb acht mit der riesengrossen Befürchtung, dass Mina vielleicht niemals richtig lesen und schreiben lernen würde. Wir spielten gerade ein von der Lehrerin angeregtes Würfelspiel. Mina war an der Reihe. Ihre Aufgabe oben auf dem Würfel lautete: "Schreibe etwas auf, das man essen kann." Mina mühte sich mit Bleistift und Papier ab und schob mir dann den Zettel hin. Das Ergebnis las sich in etwa so: PSAIZ. Ich hatte keinen Schimmer, wie das Wort lauten könnte. "Das heisst doch Pizza, Mama", sagte Mina zu mir.


In diesem Moment sprang mich das Sorgenmonster voll von vorne an und brachte mich zu Fall. Ich dachte: "Das ist ja ein Riiiiiiesenberg, bis Mina jemals ein Wort nur schon lesbar, geschweige denn richtig buchstabiert schreiben kann, wenn PSAIZ für sie PIZZA heisst." "Wieso muss Mina auch noch ein Lese-Rechtschreibe-Handicap in ihrem Leben haben?!" "Das ist so unfair, und der Berg so riesig, das kriegen wir niemals hin." "Ich habe einfach keine Kraft und Zuversicht übrig, um mit Mina auch noch dieses Thema in Angriff zu nehmen." "Sicher löscht es ihr schon bald ab mit der Schule, wenn sie merkt, wie gross der Rückstand zu den anderen jetzt schon ist." Während sich die Gedanken in meinem Kopf rundherum drehten, begann ich mich so entmutigt zu fühlen, dass ich hätte weinen können.


Dann suchte ich im Netz nach Informationen zum Thema Lese-Rechtschreibe-Schwäche. "Kinder mit Legasthenie brauchen ERMUTIGUNG, nicht ENTMUTIGUNG, um lesen und schreiben zu lernen", stand da. Sehr witzig, dachte ich, und was ist mit der Ermutigung für die Eltern, die ein solches Kind haben und auch entmutigt sind?!?


Nach und nach wurde mir bewusst, dass ich wieder aus meinem Entmutigungsloch heraussteigen musste. Und zwar bevor Mina von der Schule heimkommen und meine Sorgen und Befürchtungen meilenweit gegen den Wind würde riechen können. Ich überlegte mir: Ein Sorgenmonster kann zwar zu Besuch kommen und einen umwerfen, wenn man nicht aufpasst. Aber es ist nur zu Besuch. Ich bin berechtigt, das Monster von meiner Brust runterzustossen, aufzustehen und weiterzugehen. Ein Besuch wohnt schliesslich nicht permanent bei mir. Wenn er zu lange bleibt und nicht spürt, wann es Zeit ist zu gehen, kann ich ihn freundlich und bestimmt auffordern, meine Wohnung zu verlassen, damit ich mein Leben weiterleben kann.


Und wie kann ich mich jetzt ERMUTIGEN statt weiter ENTMUTIGEN, damit ich nachher auch mein Kind ERMUTIGEN kann? Ich beschloss, als erstes meinen Mut wiederzuerlangen: Fakt ist, dass es nicht in meiner Macht steht, für Mina alle Schwierigkeiten in ihrem Leben wegzuzaubern. Ganz im Gegenteil können wir an den Umständen im Leben unserer Pflegekinder oft gar nichts ändern. Aber ich kann meine entmutigte Einstellung verändern und dem Sorgenmonster auf meiner Brust sagen: "Du brauchst dich gar nicht so breit zu machen, Monster. Wir werden auch diese neue Sache Schritt für Schritt angehen. Mina ist nicht aus Zucker, und sie wird lernen, auch das Lesen und Schreiben auf ihre Weise und in ihrem Tempo zu bewältigen."


Schliesslich kam mir noch meine Schwägerin in den Sinn. Sie ist Logopädin und kennt das Sorgenmonster aus ihrem eigenen Leben. Ich schrieb ihr von meinen Ängsten und Befürchtungen wegen einer möglichen Lese-Rechtschreibe-Schwäche von Mina, und dass mir das Herz für sie blutete.


Sie schrieb postwendend zurück: "Ich kann dich gut verstehen. Aber mach' dir nicht zu viele Sorgen, es gibt heutzutage ganz viele Hilfen für Legasthenie-Kinder, um lesen und schreiben zu lernen. Zudem ist es noch zu früh für irgendeine Diagnose." Und sie deckte mich mit bergeweise Material ein, das sehr gluschtig aussah: Ansprechende Bilder, Wörter mit kurzen Lücken darin, bei denen das Kind jeweils nur einen Laut selber finden muss. Nehmen wir zum Beispiel das Wort PIZZA: Zuerst kommt das Bild von einer Pizza, das so gezeichnet ist, dass jedes Kind sie erkennt. Dann folgt das zu ergänzende Wort, das in etwa so aussieht: P_ZZA: Ich begriff, dass diese Art des Lernens ermutigend ist, weil es leicht ist, es richtig zu machen. Das macht dem Kind Spass und Appetit auf weiteres Üben.


Als ich das nächste Mal auf meiner Brust nachsah, war das Sorgenmonster verschwunden. Und ich dachte mir: Ermutigung, Spass, und es ist leicht, es richtig zu machen. Diese drei Dinge brauchen nicht nur Kinder mit Lese-Rechtschreibe-Schwäche, sondern auch wir Pflegeeltern!




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