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  • Caroline

Das Gwändli

Mina ist jeden Dienstagabend in der Mädchenriege. Dort trainieren die Kinder schon seit Februar eifrig für den grossen Wettkampftag im Mai, den Jugendsporttag. Schon lange hat Mina klar gemacht, dass niemand von der Familie dabei zuschauen darf, und sie bleibt konsequent bei ihrer Meinung. "Mega Issues," wie ihre grossen Schwestern dazu sagen würden... Aber da wir anderen ja an den Sporttag gehen würden, um Mina anzufeuern und sie moralisch zu unterstützen, geht es in diesem Fall nicht um uns, sondern um sie. Deshalb respektieren wir ihren Wunsch, auch wenn wir ihn nicht verstehen können.


Heute Abend bringt Mina einen durchsichtigen Plastikbeutel mit einem dunkelbauen Stoffding vom Training heim, auf den man mit einem wasserfesten schwarzen Stift ihren Namen schreiben müsse, sagt sie. Während ich noch am Stiftsuchen bin, öffnen sich auf einmal ihre Tränenschleusen und sie fängt bitterlich zu weinen an. Dazu quetscht Mina ein paar Worte raus: "Ich will nicht an den Jugendsporttag, Mami! Du musst mich abmelden. Wir müssen da so ein Gwändli tragen, das will ich nicht." "Was findest du denn so schlimm an diesem Gwändli, Mina?," frage ich. "Man muss es doch nur schnell fürs Geräteturnen in der Halle anziehen." Aber ich merke sofort, dass Mina nach diesem Tag fix und fertig ist, und es im Moment sinnlos ist weiter zu reden.


"Komm, Mina, wir reden morgen weiter, ok? Der Sporttag ist erst in fünf Tagen, bis dann finden wir eine Lösung." Am nächsten Morgen sieht die Welt wieder anders aus. Doch schon bald fängt Mina erneut mit dem Thema Jugendsporttag an. "Du musst mich abmelden, Mami, hörst du?" Mir schiessen vielerlei Gedanken durch den Kopf: "Was ist mit den happigen Abmeldegebühren? Ist es nicht ganz verkehrt, dem Kind alles durchzulassen und es einfach abzumelden? Damit verpasst Mina doch die Chance, den Sporttag positiv zu erleben und sich gute Erinnerungen zu schaffen? Und was ist denn überhaupt das Problem an diesem Gwändli?", etc. Auf der anderen Seite sehe ich schon das ratlose Gesicht der Leiterinnen vor mir, wenn sich Mina in der Garderobe weigern sollte, das blaue Gwändli anzuziehen oder wenn sie weinend aus der Turnhalle rennt statt ihre Übung vorzuzeigen...


In diesem Augenblick betritt Yasmin das Badezimmer. "Was guckst du so böse, Mina?," fragt sie gut gelaunt. Als sie hört, dass Mina nicht hässig ist, sondern sich Sorgen macht wegen dem Sporttag und dem dunkelblauen Samtgwändli, das sie beim Geräteturnen tragen muss, hockt sich Yasmin zu ihr auf den Boden und sagt: "Weisst du was, Mina? Ich habe das blaue Samtgwändli auch gehasst, als ich in deinem Alter war. Aber bei mir war das, weil ich so fett war und das Gwändli so eng am Körper anlag. Ich habe mir dann immer vorgestellt, wie alle auf meine nackten Beine gucken, das war der Horror für mich." Mina hört fasziniert zu, und ich habe das Gefühl, dass sie sich etwas entspannt, was ihren eigenen Berg mit dem blauen Gwändli angeht.


Als sich Mina dann in ihrem Zimmer anzieht, erzähle ich ihr noch von meinen Gwändlierfahrungen. Ich war als Kind begeistert vom Geräteturnen. Und das Tragen eines Samtgwändlis bei den Wettkämpfen war für mich der Höhepunkt. Es war wie Magie: Sobald ich das Gwändli anhatte, fühlte mich wie eine Prinzessin.


Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Minas Problem damit noch etwas kleiner geworden ist. Für den Moment lasse ich das Thema aber auf sich beruhen, denn es ist Zeit für die Schule. Am Abend frage ich beiläufig: "Ist jetzt eigentlich alles okay mit dir und dem Sporttag und dem Gwändli, Mina?" "Ja, alles gut, Mami, " antwortet Mina tatsächlich. "Aber denk dran: Niemand von der Familie darf zuschauen kommen." Zeit, eine Idee auszuprobieren, denke ich. "Heisst das, du musst das erste Jahr am Sporttag jetzt mal alleine schauen wie alles läuft dort, und da darf niemand, der dich kennt, zuschauen kommen?" Mina nickt. Aha. Damit kann ich leben.


Unsere Pflegekinder, immer mal wieder für ein Rätsel gut. Von einem Moment auf den anderen stellt sich ihnen und damit auch uns als Pflegeeltern ein Riesenberg in den Weg, der sich unmöglich bewegen lässt. Wir können uns dann den Kopf zerbrechen und Vermutungen anstellen, was denn nun der Grund des Problems ist, woher es kommt und wie wir es in den Griff bekommen könnten. Oder wir reden einfach mit dem Kind und sagen ganz ehrlich, was uns dazu in den Sinn kommt. Und hören zu, falls es etwas zu sagen hat. So wie das Yasmin heute Morgen ganz spontan gemacht hat. Ihr Vorgehen, Mina zu erzählen, dass sie das Gwändli als Kind selber auch furchtbar fand, war ziemlich unorthodox. Man könnte sogar annehmen, es hätte Mina noch darin bestärkt, das Gwändli auf keinen Fall anzuziehen. Tatsächlich aber scheinen Yasmins Worte Minas Fixierung auf den Riesenberg Gwändli genau gelöst zu haben. Ich schätze, sie hat sich von Yasmin mit ihrer Unmöglichkeit verstanden und akzeptiert gefühlt. Und manchmal löst sich dann ein Problem "einfach so" in Luft auf. Obwohl wir oft auch dann noch nicht wissen, was eigentlich genau los war.


P.S. Und jetzt kommt der Super-Knüller: Als ich Mina später ins Bett bringe, fällt mir ein, dass Julia mir aufgetragen hat, Mina als Motivation fürs Tragen des verhassten Gwändlis unbedingt noch vom Zuckerwattenstand zu berichten, den es am Jugendsporttag offenbar schon immer gab. Ich erzähle Mina also, dass es am Sporttag auch Zuckerwatte und andere Süssigkeiten zu kaufen geben wird, und dass ich ihr etwas Geld mitgeben werde, damit sie sich selber etwas zum Zvieri kaufen kann. Weil ich ja nicht da sein werde. Zu meiner Überraschung sagt Mina dann: "Doch, Mami, ich möchte jetzt doch, dass du beim Sporttag zuschauen kommst und mir dort eine Zuckerwatte kaufst..."


Und jetzt entschuldigt mich, der Sporttag beginnt in zwei Stunden. Zeit, das blaue Samtgwändli anzuziehen...




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