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  • Caroline

Boden unter den Füssen



Meine bald 80-jährige Mutter hat vor ein paar Wochen ihre fünfjährige Enkeltochter hochgehoben, weil diese in eine obere Schublade reingucken wollte. Das hätte sie besser nicht getan, denn die 20 kg Lebendgewicht waren zu viel für ihre Brustwirbel. Doch alles der Reihe nach...


Nach diesem Hochhebe-Unfall litt meine Mutter unter ganz starken Schmerzen, aber der Besuch in der Notfallsprechstunde im Spital ergab keine Diagnose. "Es gibt keine frischen Brüche. Nehmen Sie Ihre Mutter wieder nach Hause, geben Sie ihr regelmässig Paracetamol und Ibuprofen lassen Sie sie ausruhen." Ausruhen? Denkste...


Weil die Schmerzmittel nur minimal nützten, brauchten wir bereits in der ersten Nacht den SOS-Arzt, der schliesslich etwas Stärkeres spritzte. Danach konnte meine Mutter zwar schlafen, aber anschliessend war ihr ständig übel. Wir vier erwachsenen Geschwister standen hilflos daneben und realisierten, dass immer jemand bei ihr sein musste. Das Nichts-Tun-Können machte es für uns auch emotional schwierig, unsere Mutter in dieser Zeit zu begleiten. Ich kann mich gut erinnern, wie ich an einem sonnigen Sonntagnachmittag von meiner ersten "Schicht" bei meiner Mutter nach Hause kam: Ich hatte wacklige Knie, war völlig erschöpft und wollte nur in Ruhe etwas essen und meiner Familie erzählen, wie krass es war, meine Mutter leiden zu sehen und nicht zu wissen, was sie eigentlich hat.


Doch kaum hatte ich angefangen zu reden, merkte ich, dass auch bei uns zu Hause eine Art Notfallzustand eingetreten war: Mein Mann wurde durchs Zuhören so gestresst, wie wenn er selbst betroffen wäre und als ob es um seine eigenen Eltern gehen würde. Mina war total durch den Wind und schrie nur noch. Die drei grossen Töchter sassen ratlos da.


Dieses Erlebnis machte mir klar, dass ich daheim nicht ungefiltert erzählen konnte, was mich beschäftige. Vor allem konnte ich von meiner Familienmitgliedern nicht erwarten, dass sie mir eine emotionale Stütze sein könnten in dieser Ausnahmesituation. Ich musste zur ersten Lektion in der Traumapädagogik zurückkehren und lernen, mich SELBER zu regulieren. Kein Wunder, war ich durch die emotional belastende und ungewisse Situation mit meiner Mutter aus meiner inneren Ruhe, dem grünen Zustand, herausgefallen. Ich befand mich beim Heimkommen im gelben Zustand, war unruhig und gestresst und fand es schwierig, klar zu denken. Deshalb hätte ich ja so gerne beim Erzählen alles "rausgelassen." Stattdessen musste ich wieder selbst mit mir in Kontakt kommen, physisch den Boden unter den Füssen spüren und innerlich ruhig werden. In jenem Moment half es mir, mich eine Stunde hinzulegen. Danach fühlte mich besser.


Rückblickend erkenne ich, wie wichtig es war, dass ich lernte, mich immer wieder selber zu regulieren. Denn es folgten lange Tage mit weiteren Notfallbesuchen im Spital, die aber nichts ergaben, und wiederholten SOS-Arztbesuchen in der Nacht. Die Zusammenarbeit mit meine Geschwistern gestaltete sich anspruchsvoll, da alle ihre eigenen Ideen hatten oder sich am am liebsten ganz zurückgezogen hätten. Dann endlich die Diagnose beim Hausarzt: Meine Mutter hatte sich beim Hochheben eben doch zwei Brustwirbel gebrochen, was die extremen Schmerzen erklärte. Heilungsprognose: 10-12 Wochen. Dann begann die fieberhafte Suche nach einem betreuten Ferienbett für meine Mutter, da wir mit der Rund-um-die-Uhr-Betreuung für längere Zeit überfordert waren.


Wollt ihr wissen, wie es Mina in dieser verrückten Zeit ging? Nachdem ich gelernt hatte, mich trotz der grossen Belastung immer wieder selber zu regulieren, war sie erstaunlich ruhig, bei sich und gut zu haben. Ich dagegen war mit dem Kopf nicht immer bei der Sache. Einmal bat mich Mina um ein Glas Sirup. Sirup kann bei Mina nur auf eine einzige Art und Weise gemacht werden: Blutorangensirup fingerhoch ins Glas, mit "Blöterliwasser" auffüllen und drei Eiswürfel hineintun. Alles andere führt bei Mina zu Schimpfen und Schreien. Ich brachte Mina ihren Sirup, vergass aber die Eiswürfel hineinzutun. Mina beäugte das Glas kritisch an und fragte: "Mami, wo sind die Eiswürfel?!" Bevor ich mit der Traumapädagogik in Berührung kam, hätte ich mich vermutlich über Mina genervt und unwirsch reagiert. Oder ich wäre innerlich murrend in die Küche zurückgegangen, um die Eiswürfel zu holen, und hätte dabei gedacht: Kann sie nicht einmal Rücksicht nehmen auf mich und meine Situation?


So aber schaute ich Mina an und erklärte ihr einfach, was mit mir los war. "Mina, ich habe die Eiswürfel total vergessen. Weisst du, warum? Ich glaube, ich bin einfach so durcheinander wegen der ganzen Sache mit Omi. Da vergesse ich manchmal Dinge. Soll ich nochmal in die Küche zurückgehen und die Eiswürfel holen oder geht es auch mal ohne Eiswürfel?" Mina überlegte einen Moment und antwortete dann: "Okay, Mami, es geht auch ohne Eiswürfel." Weil ich ihr sagte, wie es in mir aussah, konnte sie sich in mich hineinversetzen und mir entgegenkommen. Ein ganz besonderer Moment!





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