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  • Pflegemutter

Sternstunde

Aktualisiert: 13. Okt. 2022

Geht es euch auch so, dass ihr spürt, wenn sich bei euren Pflegekindern etwas anbahnt? In solchen Momenten fragen wir uns zum Beispiel, ob sich unser gut durchdachter Plan, an diesem lauen Sommerabend endlich mal zusammen mit unserer 6jährigen Pflegetochter Mina ein Restaurant zu besuchen, wohl gerade in Luft aufgelöst hat. Julia (21) ist in diesem Moment bereits mit dem Auto unterwegs, um den nicht mehr fusstüchtigen Opa im Alterszentrum abzuholen. Mina liegt auf dem Bett und will sich nicht umziehen, weil sie mit einem Mal überhaupt nicht mehr ins Restaurant will. „Ich bleibe daheim", sagt sie mit lauter Stimme und strampelt mit den Beinen. Bei uns macht sich Ratlosigkeit breit. Mein Mann hat schon vor einer Woche einen Tisch im immer ausgebuchten Restaurant mit Kinderspielplatz reserviert. Am Nachmittag war er mit Mina extra in der Badi in der Hoffnung auf einen schönen Abend auswärts. Kein Wunder wird auch er immer frustrierter und läuft in der Wohnung umher.


Guter Rat ist teuer. Soll ich mit Mina daheimbleiben und die anderen alleine losschicken? Nein, ich will zuerst alles versuchen, damit Mina doch noch mitkommen will und freiwillig ins Auto einsteigt. Ich habe eine Idee: Ich gehe zu meinem Mann und sage zu ihm: „Was meinst du dazu? Wenn Julia mit dem Opa im Auto unten vorfährt, gehst du runter und schickst Julia nach oben. Wir beide reden dann nochmals mit Mina und schauen, was möglich ist. Entweder kommen wir dann alle miteinander runter zum Auto oder nur Julia allein. Im zweiten Fall weisst du, dass ich mit Mina daheimbleibe, weil das dann die beste Option ist.“ Mein Mann ist einverstanden und erleichtert, weil noch jemand einen Plan hat.


Ich gehe zu Mina, die immer noch ihre Badehose anhat, lege mich neben sie aufs Bett und sage: „Komm doch mit, es wäre so schön für mich, wenn wir heute alle miteinander ins Restaurant gehen könnten.“ Mina hört zuerst zu. Aber sobald ich wieder den tollen Spielplatz neben dem Restaurant erwähne, winkt sie ab und sagt: „Ich will daheimbleiben!“ Julia setzt sich ebenfalls zu Mina aufs Bett und sagt: „Mina, ich schaffe es einfach nicht, meinen Glacécoupe alleine aufzuessen, den ich mir heute im Restaurant zum Dessert bestellen werde. Meinst du, du kannst mir dabei helfen?“ Minas Augen beginnen zu funkeln und sie antwortet: „Ich will auch noch einen eigenen Glacécoupe, und mit dir esse ich dann deinen auf.“ Beide Töchter schauen mich erwartungsvoll an. Ich sage: „Abgemacht!“ Sofort zieht Mina zieht ihre Schuhe an und hüpft in ihrer Badehose fröhlich die Treppe runter zum Auto. Ich folge ihr langsamer mit meiner prallgefüllten Tasche, die eine Unterhose, die kurze Sommerhose, die sich jetzt eigentlich anstelle der Badehose an Minas Körper befinden sollte, eine kleine Colaflasche, eine Tüte Erdnüsse, Minas Kuscheltuch und ein Tablet mit Kindergeschichten darauf enthält.


Wir erleben einen schönen Abend zusammen im Restaurant. Als Mina am Abend schliesslich im Bett liegt, sagt mein Mann zu mir: „Das hast du super gemacht mit Mina, dass sie doch noch mitgekommen ist.“ Ich sehe das anders: Nicht ich habe etwas super gemacht. Für mich es war eher ein unerwarteter Sternstundenmoment, der sich heute Abend eingestellt hat, während wir alle zusammengearbeitet haben: Ich habe Mina ehrlich gesagt, wie sehr ich mich wünsche, dass wir alle zusammen ins Restaurant gehen können. Julia hat für Mina die perfekte Frage gefunden, und mein Mann hat unten im Auto gewartet statt ungeduldig in der Wohnung herumzutigern. Im Hinterkopf hatte ich für mich akzeptiert, dass ich mit Mina daheim bleibe, falls es nicht klappen sollte. Und unsere Mina – ist diesmal darauf eingestiegen und wir hatten einen schönen Abend. Bastà!



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